Liebe Ratsuchende,

Hatte ich euch im letzten Ratschlag noch geraten, Tapetenmuster künstlerisch umzusetzen, könnt ihr euch in einem nächsten Schritt in die Tiefe vorarbeiten und das Aussehen der Wand auf einem Bildträger festhalten.

Solche abstrakte Bilder sind derzeit groß im Schwange. Sie bieten den unschlagbaren Vorteil, daß man als Ausgangspunkt der Abstraktion jedes und alles behaupten kann. Ist die Farbstimmung mehr hell, dann habt ihr euch von einer Reise in die tunesische Sahara inspirieren lassen. (Nenn es „arabischer Frühling“!) Ist die Farbstimmung mehr dunkel, dann war der Ausgangspunkt Fotografien aus Auschwitz. Also nicht aus dem Ort Oświęcim, aber das habt ihr ja auch nicht angenommen, stimmt’s?.

Hier die Anleitung:

  1. Schritt: Nimm eine alte Bude.
  2. Schritt:Mach sie zum Ausstellungsraum.
  3. Schritt: Beschichte einen Bildträger mit verschieden Farbschichten. Geh immer wieder zwischendurch mit dem Rakel drüber. Wenn das Bild dekorativ genug ist, lass es trocknen.
  4. Schritt: Nenn solche Bilder irgendwie allgemein, aber eindeutig genug, sodaß der Kunsthandel es später einfach hat. Nenn sie z.B. „Abstraktion 2015 (12/44)“. Liefer die Interpretation im Kunsterklärzettel.
  5. Wenn es dir schwer fällt, in eine passende mentale Stimmung zu kommen, dann mach die Eröffnungsparty vor Beginn des Malprozesses.

Das war doch einfach, oder?

Nehmt euch ein Beispiel an einem der teuersten noch lebenden Maler und derzeit größtem Künstlersohn Dresdens, Gerhard Richter. Der hat letzte Woche unter großem Medienecho neue Bilder in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hängen lassen. Diese sind von den Fotos aus dem KL Auschwitz-Birkenau inspiriert.

Keine Angst! Es ist alles im grünen, im korrekten, Bereich. Selbst Gerhard Genie würde sich nichts erlauben und sich etwa vom Auschwitz-Album aus Jad Vaschem inspirieren lassen. Die von ihm verwendeten Fotos sind nicht von Wachmannschaften beauftragt oder gar geschossen, sondern von Häftlingen fotografiert worden. Zu sehen auf Wikimedia.

Mir ist allerdings nicht klar, welchen Unterschied es machen soll, ob dieses Verbrechen von den Tätern oder den Opfern fotografisch dokumentiert wurde. Künstlerische Reflexion war unter diesen Umständen ohnehin nicht zu erwarten. Inwieweit bei den Fotos, die die Alliierten anfertigten, vom rein Dokumentarischen abgewichen wurde, vermag ich nicht zu sagen. Das ist aber sicherlich schon mal irgendwo wissenschaftlich untersucht worden.

 

Nicht nur wegen des heutigen geistigen Klimas unter unserer Intelligentsija steht einer künstlerischen Auseinandersetzung mit den Verbrechen eurer Urgroßväter nichts im Wege. So etwas kann man immer machen. Jede Generation aufs neue. Es könnte euch den Weg direkt in die Schauhallen der Kunstvereine öffnen, denn es gibt sehr wenig aktuelle bildende Kunst zum Thema von der 3. und 4. Generation. Spielfilme sind derzeit die Kunstform der Wahl, um sich des Themas anzunehmen.

Das KL Auschwitz-Birkenau ist jetzt zwar schon vergeben, aber es gibt ja noch genügend andere Fotos von genügend anderen KZs. Einfach Rakel rausholen und loslegen, liebe Ratsuchende! Mit der medialen Begleitung wird es schwieriger als bei Gerd „Genie“ Richter. Denn der Prophet aller Rakelschwinger ist an einem Punkt der Künstlerexistenz angekommen, wo alles, wirklich alles, was er jemals gemacht hat, macht und machen wird, als große Kunst in den Himmel gehoben wird. Er könnte mit dem Staubwedel von Forsait Farbe auf die Fensterscheiben des Albertinums spritzen. Beides würde sofort als Werk musealisiert. (die Performänz und die Spritzer, nicht der Staubwedel). Es sei ihm gegönnt, auf eine Stufe mit Picasso und Michelangelo gestellt zu werden. Ich bleibe skeptisch und warte mal lieber noch 120 Jahre, bevor ich in den Chor, der Gerhards Genius besingt, einstimme.

Eine schöne Idee finde ich die „Spiegelung“ der Ölgemälde durch gleichgroße Fotos eben dieser. Wer es schafft, seine auf Tafeln aufgezogene Materialsammlung an ein Museum zu verkaufen, der wird auch ein Foto seiner Ölgemälde in Originalgröße teuer verkaufen können. Definitiv eine Idee, die man sich merken sollte. So spart man sich Zeit und Produktionskosten. Die Kuratoren nennen das einen „Dialog zwischen Malerei und Fotografie“.

So geht das.

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