Ostrale 2015 – kuratierte Kunstmesse

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Liebe Ratsuchende,

Kurz vor Eröffnung der Ostrale 2016 am 1. Juli möchte ich noch die schon lange versprochene Rezension der Ostrale 2015 abliefern. Aus verschiedenen Gründen ist es nur eine Kurzrezension. Ich bitte um Nachsicht.

Diese Ostrale war eine erwachsene Ausstellung. Totalausfälle waren nicht zu verzeichnen. Sperrmüllsien, die sich unter dem Deckmantel des erweiterten Skulpturenbegriffs als Kunstwerke tarnten, waren diesmal ebenso abwesend wie unausgegorene Ideen, die auch noch handwerklich schlecht umgesetzt wurden. Kein Vergleich mit Ostralen früherer Jahre.

Ich hatte in meinem Vorbericht noch bedauert, dass in der Ankündigung die üblichen Übertreibungen fehlten. Das war eine Fehleinschätzung. Ich hatte an der falschen Stelle gesucht. Die Publikumsveräppelung bestand diesmal in der Ankündigung, als Sprungbrett für junge, nicht etablierte Künstler wirken zu wollen. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, alle teilnehmenden Künstler auf Jugend und Etabliertheit abzuklopfen, aber die, die ich schon kannte, waren weder jung noch nichtetabliert. Das mit dem Sprungbrett mag zutreffen. Zum ersten Mal sind mir viele rote Punkte aufgefallen. Ihr kennt ja diese „Verkauft“-Punkte, wie sie in Galerien an das Schildchen geklebt werden. Nun also auch bei der Ostrale. Warum nicht. Die Jury bestand aus fünf Personen, von denen drei Galeristen waren. Vielleicht lag es ja an ihnen, dass die Ostrale so einen aufgeräumten Eindruck machte. Sie war richtiggehend zugänglich. Eine Jury-Mitgliederin war die Dresdner Galeristin Nütt. Prompt wehte ein leichter Geruch von »Dresdner Kunstszene®« durch einen Ausstellungsraum. Auch war die selbsternannte »Dresdner Kreativwirtschaft®« angetreten, um der Ostrale unter die Arme zu greifen. Es gab zwei Ausgaben eines Kundenmagazins. Diese kostenlose Hochglanzzeitschrift a lá „Dein Bahnhof mobil“ war nett und fluffig, aber leider ohne Nährwert. Das Austellungsverzeichnis war völlig unbrauchbar.

rote punkte

Rote Punkte meint erfolgreiche Künstler dank rühriger Galleristen

Den Vergleich zwischen Ostrale und Kunsthaus bezüglich der Ausstellung von afrikanischer Kunst entschied die Ostrale für sich. Es wurde eine breite Auswahl von afrikanischen Künstlern gezeigt, die meinen Horizont erweiterten.

Dr. Bomboka

Afrikanische Zauberer haben Mobiltelefone fürs Geschäft

 

Zu Recht ausgezeichnet wurde ein 3D-Bild-Projektor-Dings eines polnischen Künstlers, welches Bilder aus Rauch fabrizierte. Ich hätte gern mehr dazu gewusst, aber das Teil war permanent dicht umlagert. Eine faszinierende Sache. Mir gefielen die Arbeiten polnischer Künstler generell gut.

Politische Kunst war auch wieder dabei.Die Werke eines geflüchteten Nordkoreaners waren drastisch direkt. Die einzige Reminiszenz an die Qualität früherer Ostralen war das Werk eines Modelleisenbahners. Es war ein dezidiert politisches Werk. Aber in seiner Reflexionsuntiefe und seinen tagespolitischen Bezügen war es schon im Juli 2015 überholt.

Diese Ostrale war nach meinem Geschmack. Ich habe mich sehr wohl gefühlt mit den ausgestellten Kunstwerken. Ich denke, das lag an der Qualität und nicht an einer eventuell beginnenden Altersmilde meinerseits. Ich werde früher oder später noch einige Ratschläge in separaten Beiträgen geben. Kommenden Freitag öffnet schon die Ostrale 2016. Es gibt viel zu tun. Auf denn!

PS: Hier noch drei lustige Bilder:

fliegendes Nashorn

lustiges Leuchtdia 1

fliegender Löwe

lustiges Leuchtdia 3

fliegende Giraffe

lustiges Leuchtdia 2

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Sommergeplauder 4: Das Kunsthaus Dresden dreht das große Rad oder Fördermittel beflügeln!

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Hochsommer, mein Tiekholzdecktschär und ein richtig schön kalter Eistee bringen mich in Plauderlaune. Heute plaudere ich ein wenig über die letzte Ausstellung der Saison im Kunsthaus Dresden Sie begann am 20.6.2015 und endet am 20.9.2015.  Sie heißt:

Künstliche Tatsachen:Boundary Objects

 

Diese Ausstellung war der letzte Teil eines dreiteiligen Projekts, welches durch den Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes, durch das Goethe–Institut und durch das IFA bezahlt wurden. In der Projektbeschreibung las sich das so: „Mit Künstliche Tatsachen initiiert das Kunsthaus Dresden. Städtische Galerie für Gegenwartskunst zusammen mit Künstler/innen, Ethnolog/innen, Historiker/innen und Kurator/innen aus Südafrika, Benin und Deutschland ein internationales Recherche-, Kunst- und Ausstellungsprojekt. Im Zentrum des Projektes stehen Objekte aus europäischen und afrikanischen Sammlungen, deren historische Entstehung unmittelbar mit kolonialen Geographien und Ethnographien verbunden ist. Dabei interessieren sowohl der damalige wie heutige Status – etwa als Trophäe oder als Beweisstücke einer entstehenden wissenschaftlichen Disziplin – und die Biographien solcher Objekte, an denen die Zurichtungen, Nachbearbeitungen und Eingriffe am Gegenstand selbst deutlich werden, als auch die gegenwärtigen Konventionen und zukünftigen Möglichkeiten ihrer Zurschaustellung in Museen und anderen Ausstellungskontexten. Die Aktivierungen an drei Stationen – Cape Town, Porto-Novo und Dresden – verstehen sich als eine Plattform, um gemeinsam mit Partner/innen und Expert/innen aus afrikanischen Ländern neuartige künstlerische Handlungsformen und kulturelle Umgangsweisen zu erproben. Ziel ist es, in einem experimentellen Veranstaltungsformat jeweils einen unbefriedeten Sammlungsgegenstand exemplarisch zu aktivieren’ und davon ausgehend Formen des Umgangs zu skizzieren, die über eine wesentliche Kolonialität der Kultur (Derrida) hinausweisen könnten.“

Das klingt doch erstmal gut, oder? Zum unverzichtbaren Handwerkszeug von Kuratoren, hier eine Frau Goltz, gehört das Postulieren von Prämissen und die anschließende Untermauerung dieser mit irgendwelchen Zitaten von irgendwelchen Großdenkern. Würde ich mich nicht so höllisch vor der Derridaschen Desintegration fürchten, würde ich mal nachschauen, was der Jaques mit der „wesentlichen Kolonialität der Kultur“ gemeint haben könnte. Vielleicht erklärt es mir ein Mutiger(*)in unter euch. Ich hab da allerdings so meine Befürchtungen bezüglich Signalwörtern und so.
Die dritte und abschließende Station Dresden jedenfalls bekam eine Ausstellung im KHDD und verschiedene Vorträge der beteiligten Künstlerixinnen in den Räumen der HfBK. Einer der Hauptgründe für das Projekt scheint mir gewesen zu sein, Künstler_Ininnen auf Projektmittel die Welt bereisen zu lassen. Da habe ich nichts dagegen.

Der Anspruch war: „Mit zum Teil eigens für die Ausstellung entstandenen Werken fordern internationale Künstler/innen den eingeübten Museumsblick der visuellen Kolonisierung heraus. In ihren Arbeiten untersuchen die Künstler/innen Blickregime und hinterfragen die Geste des Zeigens und Repräsentierens und letztlich der Konstruktion des ‚Anderen’ im Museum. Dabei interessieren sie sich für den zukünftigen Status der Objekte, die einstmals als kulturgeschichtliche Belegobjekte, Souvenirs und Trophäen gesammelt wurden und heute zunehmend einer globalisierten World Art zugeschrieben werden. Auf die Rahmung durch Vitrinen folgen nun Spotlight und Podest.“

Dieser Anspruch wurde nicht eingelöst. Eher war Ratlosigkeit das vorherrschende Gefühl beim Ausstellungsbesuch. Das ist kein Wunder. Wenn man als Außenstehender nur die Abschlussveranstaltung eines Projektes besucht, dass im vergangenen September begann, dann bleibt Fremdeln nicht aus. Es blieb mir bis heute unbekannt, was in Südafrika und Benin im Rahmen dieser „Aktivierungen“ alles vor sich ging. Die Ausstellung in Dresden war abweisend und seltsam hermetisch. Es war offensichtlich von vornherein nicht vorgesehen, dem uneingeweihten, aber interessierten Publikum von der Straße wie mir, eine zufriedenstellende Ausstellung zu geben.

Dabei hätte es interessant werden können. Diskussionen um den Umgang mit völkerkundlichen Hinterlassenschaften sind in Dresden seit den 1990ern nichts unbekanntes. Mal ging es um das Verhältnis heutiger indigener Mittelamerikaner zum Dresdner Maya-Kodex, mal um Federschmuck der nordamerikanischen Prärieindianer. Besonders hohe Wellen schlug die Rückforderung echter Skalpe durch american natives aus dem Karl-May-Museum im letzten Jahr. Das Thema ist in Dresden also durchaus präsent.

Wie war die Ausstellung? Es gab wieder die übliche Melange aus wenigen guten Sachen und viel Behauptismus. Sehr gut gefielen mir die Arbeiten von Dierk Schmidt und das Video von Penny Siopis. Da die Ausstellung ohnehin nicht wirklich für die Öffentlichkeit konzipiert war, frage ich auch nicht wirklich, was Paolo Nazareths Auseinandersetzung mit der Bevölkerung Brasiliens in einem Projekt über afrikanische Hinterlassenschaften in europäischen Museen zu suchen hat. Ich nehme an, er ist ein sehr charmanter Mann. Oder ich frage nicht, was ein Perfomänzabend mit kubanischem Voodoo sollte? Den hab ich aus Angst um mein Seelenheil lieber nicht besucht. Ich frage auch nicht, warum Karl Waldmann ausgestellt wurde? Die Geschichte hinter Karl Waldmann ist mit der Karl Ranseiers vergleichbar und entsprechend lustig. Aber nur weil auf Waldmanns konstruktivistischen Collagen Fotos afrikanischer Artefakte verwendet wurden, hängt er in dieser Ausstellung? Na, ich weiß nicht. Auch die Arbeiten des Burning Museum aus Kapstadt gingen am Thema vorbei. Es waren auf Riesig ausgedruckte, schwarzweiße JPEGs von irgendwas total Irgendwasigem. Nach dem Lesen des Kunsterklärzettels ist man nicht viel schlauer. Es ist halt blöd, wenn Wissen zum Kunstverständnis fehlt und auch nicht nachgeliefert wird. So wie hier das Wissen um das südafrikanische Wirken der Herrnhuter Brüderunität. Die Bilder erklärten auch nichts. Behauptistische Kunst, die die Kurve nicht kriegt.

Nun gut, ich bin kein Teil des Projekts, deshalb kann ich das vielleicht nicht beurteilen. Mit Lisl Ponger war auch ein inzwischen großer Name vertreten. Nur, was hat ihr Werk mit Afrika zu tun? Es dreht sich bei diesem C-Print um Nordamerika und die dortige indigene Bevölkerung. Vielleicht deshalb war noch extra ein Podest neben dem Bild aufgestellt. Es wurde suggeriert, dieses würde zum Werk Lisl Pongers gehören. Auf diesem Podest stand neben schwarz-rot-goldenem (!) Tinneff ein aufgeschlagenes Buch mit einem Foto, das Samoanerinnen bei einem Begrüßungstanz für den deutschen Konsul 1936 zeigen. Preisfrage: Zu welchem Kontinent zählt Samoa? Bonusfrage: Bis wann hatte Deutschland dort eine Kolonie? Die Antwort ist egal. Wenn es um die Nazizeit geht, ist auch das KHDD kaum zu bremsen. Deshalb bekam diese Zeit weit überproportional viel Raum. Und das meine ich wortwörtlich.

Reiterdeutsued

Dieses Buch ist nicht hilfreich!

Als Hobbyhistoriker freute es mich, ausführlicher mit der weithin vergessenen Deutschen Kolonialausstellung im Dresden des Jahres 1939 konfrontiert worden zu sein. Es hieß dazu im Begleittext: „Die Installation „VON EINGEBORENEN BESCHÄDIGT “ reinszeniert den kolonialen Blick der Dresdner Kolonialausstellung von 1939 und fragt nach der Herstellung einer exotischen und kolonialen Kulisse.“ Entweder erfuhr der Begriff der Reinszenierung in letzter Zeit einen grundlegenden Bedeutungswandel oder es ist die KHDD-typische Kuratorenlyrik. Zu sehen gab es Faksimiles von Zeitungsseiten, Ausstellungsplakaten und des damaligen Katalogs. Das ganze war an Sisalbespannung gepinnt, bekrönt von Geweihen afrikanischer Wildtiere. Richtig ist, dass es in der Ausstellung seinerzeit ebenfalls einige Ausstellungswände gab, die mit Sisalgewebe bespannt unter Antilopengeweihen standen. Die Instalation hier und heute gleich eine Reinszenierung zu nennen, ist allerdings Aufschneiderei. Die am Sisal angepinnten Pappen mit den Faksimiles waren bunt durcheinandergewürfelt mit Schautafeln, die die Geschichte des deutschen Reiterdenkmals in Windhuk erzählen. Dies deswegen, weil das Symbol der Kolonialausstellung jenes Denkmal aus ehemals Deutsch-Südwest gewesen wäre. Das ist leider falsch. Einzig die Deutsche Reichspost benutzte das Reiterdenkmal für ihren Sonderstempel. Aber diese ins Auge springende Tatsache hat die Kuratorin und die Künstlerin Emma Wolukau-Wanambwa nicht bekümmert. Nur durch diese Geschichtsklitterung haben sie überhaupt erst eine Installation hinbekommen, die wunschgemäß beides verknüpft, deutsche Kolonien und Nazis. Sehr schön waren die im Raum verteilten jungen Sisalpflanzen aus Plastik. Zusammen mit den Sisalsäcken an der Wand und den Antilopenhörnern waren sie voll die Reinszenierung zur Herstellung einer exotischen und kolonialen Kulisse. (Vielleicht sollte ich dies mal beim nächsten Besuch in einem afrikanischen Spezialitätenrestaurantmal anbringen?) Und weil das noch nicht reichte, gab es noch eine große Vitrine mit Nazi-Propagandabroschüren zum Thema Kolonien zu bestaunen. Ganz interessant, wenn auch nicht zu den Projektprämissen passend. Aber die Botschaft ist so klar wie kurz: Deutsche Kolonien sind voll Nazi! Ich bedaure die armen Schulkinder, die in ihrer Projektwoche so etwas über sich ergehen lassen mussten.

Mir fehlten als Autseider eindeutig das interne Wissen, sonst hätte ich vielleicht etwas mit dieser Ausstellung anzufangen gewusst. So muss ich annehmen, die Kuratorin hätte hier bewusst irgendeine bunte Mischung Ausstellungsstücke nach der Methode der Google-Bildersuche zusammengesammelt und in das Haus geschüttet, nur um bei der Abrechnung der Fördermittel schicke Fotos von schick hergerichteten Ausstellungsräumen vorweisen zu können. Zum Glück ist Freitags der Eintritt frei!

Man könnte jetzt das KHDD-typische Schludern für diese Ausstellung verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, dass das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

cairopostnefertiti

Nicht immer bekommt man, was man erwartet!

So, das war es erstmal mit dem Kunsthaus Dresden. Vielleicht sollte ich es ab nächster Saison für meine Praxistipps berücksichtigen. Bis jetzt sind noch keine Ausstellungspläne für die Saison 2015/2016 durchgesickert. Sehr viel schlimmer als die vergangene Saison kann es eigentlich nicht werden. Ich bin gedämpft optimistisch und bleibe drann!

Sommergeplauder 3: Das Kunsthaus Dresden unter falscher Flagge oder Marketing will gelernt sein!

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Hochsommer, meine Hängematte und so richtig schön kalter Eistee bringen mich in Plauderlaune.

Heute plaudere ich ein wenig über die zweite Ausstellung der Saison im Kunsthaus Dresden. Sie lief vom 1.4.2015 bis zum 31.5.2015 und hieß:

Seiichi Furuya – Was wir sehen.

Dresden 1984 – 85 

Angepriesen wurde die Ausstellung mit einem Einführungstext voller Kuratorenlyrik. Es „ermöglichen die in Dresden 1984 und 1985 entstandenen Aufnahmen Furuyas einen einzigartigen Blick in die Geschlossene Gesellschaft der sozialistischen Republik. Ausgebildet als Architekt und Fotograf zog Seiichi Furuya zunächst nach Österreich und nahm zur Absicherung des Lebensunterhalts eine Tätigkeit als Übersetzer für eine japanische Baufirma an. Diese führte das junge Paar und ihren dreijährigen Sohn 1984/85 in die damalige DDR – nach Dresden.“

Die Fotos waren gut, keine Frage. Aber es war eine Ausstellung mit Material des 2010 abgeschlossenen Memories-Projekts des Künstlers, in dem er sich retrospektiv mit dem Zusammenleben mit seiner schwer depressiven Frau auseinandersetzt. Dieses Leben fand ab 1984 in der DDR statt, bis sich seine Frau 1987 in Ostberlin selbst tötete. Deshalb kamen Fotos von Dresden in dem Projekt vor. Was hier gezeigt wurde, war definitiv keine Ausstellung von Dresden-Fotografien. Der Blick des Fremden von außen auf diese Stadt, gar mit der Stadt als Hauptmotiv, fand in dieser Ausstellung nicht statt. Wo „Furuyas Werk auch ein integriertes Verständnis der biografischen und zeitgeschichtlichen Ereignisse im Zusammenhang mit dem politischen Systemwechsel in Staaten Mittel- und Osteuropas.“ reflektiert, bleibt das Geheimnis von Christiane Mennicke-Schwarz.

Es gibt ein Foto, welches einen Elbdampfer zeigt, der mit der Nordkoreanischen Flagge geflaggt war, weil Honecker und sein Diktatorenkollege Kim an dem Tag in der Stadt zum Dampfer fahren waren. Auch gibt es zwei Fotos, auf denen Sowjetsoldaten zu sehen sind. Daraus macht Frau Dr. Kunsthauschef_In: „Die Fotografien des in Japan geborenen Furuya beleuchten das Verhältnis zwischen individueller und politischer Geschichte.“ Sie „ergänzen das bisher vorliegende Bildmaterial zu Dresden in den achtziger Jahren.“ Äh, nein. Eigentlich nicht. Und wenn doch, dann nur marginal und eher zufällig. Keine neuen Motive, keine neuen Perspektiven, keine neuen Erkenntnisse.

fotokhböhle

Wo bitte geht es zum Kunsthaus?

Selbst die kunstvoll in postmodernem Deutsch gedengelte Sentenz: „In den durch die sozialistische Architektur und den typischen Kleidungsstil dieser Zeit geprägten urbanen Motiven Dresdens, der Prager Straße, dem Dresdner Zoo oder auf dem Rummelplatz durchdringen sich die politischen und privaten Räume und Umstände dieser Zeit.“ ist eine Nullaussage. So schrieben Anfang der 1990er Leute über den Osten, die sich das Geschehen hinter dem gefallenen Eisernen Vorhang vom Standpunkt der westgerman supremacy selbst erklärten. Wer dies von einer promovierten Kunsthistorikerin, die schon seit 12 Jahren hier lebt und genausolange ausgerechnet im KHDD arbeitet, liest, und dann unwillürlich an den flachen Springbrunnen auf dem benachbarten Palaisplatz denkt, braucht sich nicht zu schämen.

Zumindest die sprachlichen Fähigeiten von Frau Mennicke-Schwarz möchte ich als Glücksfall bezeichnen. Der Unterhaltungswert ist enorm und anspornend. Die Besucher des Kunstverein Heidelberg, wo diese Ausstellung vorher, und die Besucher der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig, wo diese Ausstellung hinterher gezeigt wurde, mussten auf solche außergewöhnliche Kuratorenlyrik verzichten.

Leider ist der große Videobericht zur Ausstellungseröffnung von meinem Leib- und Magensender »Dresden Fernsehen«/»Kanal8« nicht im Internet zu finden. Er ist sehenswert. Darin kam der Künster zu Wort und Frau Kunsthauschef_In redete in die Kamera. Es war schlicht großartig, wie sie toternst und mit innerer Überzeugung den Wert der Kunstwerke und die Notwendigkeit der Ausstellung damit erklärte, dass es von und aus Dresden aus jener Zeit (1985) keine künstlerischen F a r b fotografien gibt. LOL, ROFL, Facepalm – alles gleichzeitig! Es ist mutig, so offen und öffentlich zuzugeben, dass frau von der Fotografieszene in jener Zeit in dieser Stadt nicht einen blassen Schimmer hat. Warum auch!? Zuviel Wissen verwirrt nur! Falls jemand von Euch diesen Beitrag irgendwo im Netz findet, bitte ich um den Link.

cover Dresden in Farbe

Lt. Kunstwissenschaftlerin Frau Dr. Mennicke-Schwarz inexistentes Buch von Karl-Heinz Böhle aus dem Jahr 1984.

Die zeitgleich in den Technischen Sammlungen Dresden ausgestellten Fotos von Seiichi Furuya waren amüsanterweise das künstlerischere Set der beiden Ausstellungen.

Dann gab es noch im KHDD zeitgleich eine Zweitausstellung. Darin wurde das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz als ein zentrales Thema der fotografischen Arbeiten von Lysann Buschbeck beleuchtet. Ihre Fotos fielen künstlerisch ab gegen Herrn Furuyas. Vermutlich wurden sie ausgestellt, weil ihr Projekt „Einer fehlt immer“ heißt. Das passt so gut zur toten Frau des Hauptkünstlers.

Bleibt festzuhalten, daß eine vernünftige Doppelausstellung eines renommierten Fotografen wie der Elbdampfer mit Kim unter falscher Flagge fuhr. Man könnte jetzt das KHDD-typische Schludern für die Diskrepanz verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, daß das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

Das sagt der Fotograf selber zu dieser Zeit: https://www.youtube.com/watch?v=evFk_pzfwE0

Und noch ein Video (leider nicht das gewünschte) von der Eröffnung: https://youtu.be/_na_SyC4yzQ

 

Sommergeplauder 2: Das Kunsthaus Dresden im Rausch der Romantik oder Anticapitalismo rulz!

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Hochsommer, meine Holliwudd-Schaukel und ein Glas Eistee bringen mich in Plauderlaune. Heute möchte ich ein wenig über die erste Ausstellung der Saison im »An-Institut für Ausstellungstheorie und –praxis der HfBK Dresden«, auch als »Kunsthaus Dresden« bekannt, plaudern. Sie lief vom 21.11.14 bis zum 15.3.15 und hieß:

Kirunatopia
Im Schatten der Zukunft / Kunst zu Landschaft und Ressourcen im 21. Jahrhundert

Während meines Besuchs hatte ich ein seltenes Erlebnis. Je länger ich blieb, desto mehr stieg mein Blutdruck. Am Ende war ich so wütend, hilflos und verärgert, dass ich am liebsten mit meinem Selfiestick dazwischen geschlagen hätte. Nur konnte ich mir nicht erklären, was mit mir passiert war. Erst viel später traf mich die Erkenntnis wie eine kalte Dusche: Ich sollte manipuliert werden. Und zwar auf das Bösartigste. Aber von Anfang an:

Römisch Eins

Es gibt in Nordschweden die weltgrößte Eisenerzmine. Diese Mine hat für ihre Bergarbeiter eine Siedlung, inzwischen stadtgroß. Diese Stadt heißt Kiruna. Nun ergab es sich zur Jahrtausendwende, dass diese Bergarbeitersiedlung um einige Kilometer verschoben werden muss, um die Sicherheit der Bewohner vor Bergschäden und die weitere Ausbeutung der Erzmine zu gewährleisten. Bezahlt wird das von der Minengesellschaft und es gibt darüber Konsens mit den Bewohnern.
Diesen Umzug nahm das Goethe–Institut Schweden zum Anlass, 2007 ein Kunstprojekt in dieser Stadt zu starten, deren Ergebnisse 2012 daselbst ausgestellt wurden.
Der Chef vom Goethe-Institut Schweden, Rainer Hauswirth, schreibt dazu im Einführungstext: „Die Ausstellung Kirunatopia (2012), initiiert vom Goethe-Institut Schweden, in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt Kiruna, widmet sich den Fragen zu der Geschichte der Rohstoffgewinnung, industrieller Transformation und Landschaft als Konzept der Moderne.“
Landschaft als Konzept der Moderne? Der Beginn der Moderne wird verschieden terminiert. Während das für die meisten Leute die Gründerzeit ist, gilt für die Philosophie die Aufklärung als Beginn der Moderne. Für die Soziologie wiederum wird gern die franz. Revolution 1789 als Markierung genommen. Dass die vormoderne Menschheit im Umkehrschluss kein oder ein anderes Konzept von Landschaft hatte, ist eine typische Kuratorenschwurbelei. Immerhin wird so eine Prämisse gesetzt. Zur Untermauerung dieser braucht es jetzt noch das Zitat einer Geistesgröße. Hauswirth zitiert Georg Simmel. der seinen Schaffenshöhepunkt um 1910 herum hatte:„Die Natur, die in ihrem tiefen Sein und Sinn nichts von Individualität weiß, wird durch den teilenden und das Geteilte zu Sondereinheiten bildenden Blick des Menschen zu der jeweiligen Individualität »Landschaft« umgebaut.“ Nochmal in heutigem Normaldeutsch: Die Natur liegt gemütlich da draußen rum und dann kommt der moderne Mensch und zerschneidet sie ungefragt einfach so in einzelne Landschaften.

Georg Simmel ist heute hauptsächlich als Begründer der Soziologie bekannt. Weniger bekannt, aber für diese Ausstellung viel wichtiger ist, dass er ein angesehener Vertreter der Lebensphilosophie war. Diese ist eine idealistische Philosophie. Sie lehnt Utilitarismus, Rationalismus oder gar ein materialistisches Weltbild ab. Sie arbeitet gern mit dem Intuitiven, dem Mystischen und Numinosen. Da passt beseelte Natur ganz gut dazu. Übrigens veröffentlichte Georg Simmel 1900 eine Philosophie des Geldes, in der er gegen die Vergötterung des Geldes, gegen Bankenmacht und Gewinnstreben anschrieb. Falls ihr jetzt vermutet, dass das etwas mit der Lebensreformbewegung zu tun haben könnte, dann vermutet ihr völlig richtig. Wir sind hier mittendrin in diesem Geisteskosmos.
Herr Hauswirth schreibt weiter in dem Einführungstext: „Dabei ist das Konzept einer ‘Landschaft’ wie Simmel es beschreibt, bereits selbst ein Nebenprodukt eben jener industriellen Moderne, eines Denkens der Neuzeit, das spätestens mit der Romantik auch die Naturwahrnehmung zerteilt und in funktionale Bereiche zerlegt, denen einerseits die Herstellung von Emotionen und andererseits die materiellen Ressourcengewinnung zugeteilt wird.“ Da haben wir sie, die deutsche Romantik. Wiedermal darf sie als die Gute gegen die Schlechte, die Moderne, in den Ring steigen. So fügt sich eins zum anderen. Damit es aber so richtig voll total romantisch wird, kommt jetzt noch der Edle Wilde ins Spiel. Mangels wirklichen Widerstands gegen die Stadtverlagerung muss der Ureinwohner, hier der Same, herhalten. Also wird der Verlust von Weideflächen und ursprünglicher Landschaft(sic!) durch die „Industriekultur der Moderne“ beschworen.

Römisch Zwei:

Für Dresden schreibt Frau Mennicke-Schwarz im Einführungstext, dessen ursprüngliche Onleinversion, aus der ich hier zitiere, nach verschiedenen Redigierungen später komplett gegen den jetzt dort zu lesenden Text ausgetauscht wurde: „Die Geschichte von Landschaften, als Ergebnis gesellschaftlicher und kultureller Transformationsprozesse der Moderne zwischen regionalen und globalen Interessen, wird auch in Dresden aktiviert: So entstehen zum einen künstlerische Arbeiten und Projekte, die basierend auf Recherche und konkreter Arbeit vor Ort ein neues Verständnis aktueller Kulturlandschaften in der Region herstellen – zwischen historischem Uranabbau und Tagebau in der DDR wie auch aktuellen ‚Renaturierungen’ und ‚Rekultivierungen’.“
Damit ist der theoretische Bogen von Nordschweden in die Lausitz geschlagen. Dort die Schönheit der ursprünglichen Landschaft. Hier die ursprüngliche Schönheit der seit 7000 Jahren durch Menschen geformten Kulturlandschaft. Dort wie hier die „transformatorische Zerstörung durch Verwertung“ der Landschaft. Dort die nomadisch als Rentierzüchter lebenden Ureinwohner, die Sami. Hier die sesshaften, bäuerlichen Ureinwohner, die Sorben. Demokratie und Partizipation ist zwar dort wie hier gegeben. Aber dort der Konsens zwischen Bewohnern und Minengesellschaft, hier der Dissens bzgl. der Dorfabbaggerung.
Nicht nur hatten die Sorben nie unter einer jahrhundertelangen kolonialen und rassistischen Politik, wie sie die Schweden den Sami angedeihen ließen, zu leiden. Auch sonst hinkt der Vergleich zwischen beiden Volksgruppen. Er wurde jedoch nonchalant unter den Tisch fallen gelassen. Denn das ganze war nur ein Vorwand. Der Rekurs auf unterdrückte Ureinwohner war verlogen. Eine einzige Nebelkerze. Es ging um Antikapitalismus. Die Ausstellung war eine offene Anklage gegen kapitalistischen Naturverbrauch und entfremdende Produktionsverhältnisse. Gespeist vom Geist des deutschen Idealismus zwischen Romantik und Lebensreform, wird über die Moderne lamentiert, die man, da hier negativ konnotiert, mit Kapitalismus gleichsetzt.

Konkret ging es gegen die Braunkohlenutzung in der Lausitz. Diese wird seit 25 Jahren vom schwedischen Konzern Vattenfall besorgt. Braunkohlenutzung ist seit Jahren d a s Wahlkampfthema der sächsischen Bündis90/Grünen. Wo die CDU den Grünen mit dem Atomausstieg den Schneid abgekauft hatte, versucht die SPD gleiches mit der Braunkohlennutzung. Erst unmittelbar nach Ausstellungsende waren die Lausitzer Proteste gegen die SPD-Pläne ein Medienthema, aber vor Ort ging es schon länger hin und her. Das KHDD jedenfalls lieferte mit dieser Ausstellung seinen Teil zur Volkserziehung im Sinne von Partei- und Staatsführung.

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Römisch Drei

Das KHDD als Propagandist rot/grüner Umweltpolitik hätte ich so nicht erwartet. Was mich entsetzte, war dieses Manipulative. Ich habe ausreichend Erfahrung mit dem Besuch von Kunstausstellungen und damit eventuell zusammenhängenden politischen Zielen. Aber etwas vergleichbares sah ich bisher äußerst selten.
Die ganze Machart der Ausstellung war durchtrieben. Man hatte von Anfang an das Gefühl, bei einem Marktschreier mit qualitativ besonders schlechter Ware zu sein. Der, wohlwissend um seinen Schund, solange irgendwas drauflegt und nachbuttert, bis die Tüte übervoll ist, die du dann nach Hause schleppen sollst. Es schrie: Bodenschätze ausbeuten ist schlecht! Kohle ist böse! Industrie ist schlecht! Diese Moderne ist schlecht! Die Menschen entfremden sich! Kapitalismus ist schlecht! Nur naturbelassene Ureinwohner sind gut! Kohle ist ganz böse! Es schrie via Kunst, die derart unkünstlerisch ist, dass es nicht schwerfallen dürfte, noch zwei weitere Ausstellungen mit denselben Exponaten zu bestreiten. Es müsste einfach nur der Kunsterklärzettel geändert werden.
Der Behauptismus wurde bekanntermaßen mit Beginn des 21.Jhd. als neuer –ismus in die Kunst eingeführt. Behauptismus ist Kunst, die etwas behauptet, ohne es zu zeigen. Und Kunst, die behauptet, Kunst zu sein. Und Kunst, die behauptet Kunst zu sein, weil sie etwas behauptet. Hier sah ich überall behauptistische Kunst.

Die Ausstellung in ihrer Augenwischerei war ein Mischmasch. Inkongruent, sprunghaft, zwanghaft versucht, die eigenen Prämissen zu beweisen. Neben den Werken aus Kiruna gab es offizielle DDR–Kunst zum Thema DDR–Tagebaue und es gab Kunst zu Tagebaufolgelandschaften auf dem ehemaligen Gebiet der DDR. Letztere Kunstwerke sind komplett nach 1990 entstanden. Dies in einer antikapitalistischen Ausstellung zu zeigen, zeugt von Idiotie. Aber da die Kuratoren sich an deutscher Romantik grün und rot besoffen hatten, war es denen egal. Außerdem hatten sie einen Parteiauftrag zu erfüllen.
Deshalb lief neben Gemälden von Gerda Lepke und Barbara Raetsch ein Dokumentarfilm über den großen Streik 1970 in Kiruna und es hingen klassenkämpferische Gemälde zum Streik gegenüber. Was hat das wohl mit der eingangs erwähnten Landschaft in der Moderne zu tun? Nichts. Aber es hat was mit Antikapitalismus zu tun.

Besonders unangenehm fand ich den Exotismus in der Thematisierung der Ureinwohner. Die Sami kamen nur als fischtrocknende Jurtenschnitzer vor und die Sorben nur als fest mit der Scholle verwurzelte Trachtenpuppen.
Ich stolperte über eine optisch ganz nette Arbeit zum menschlichen Eingriff in den Plauenschen Grund bei Dresden. Warum war die hier? Das hatte zwei einfache Gründe. Dieses Tal war seinerzeit eine Romantiker–Landschaft erster Güte und erst in der Zeit des Frühkapitalismus wurde es erschlossen. Außerdem brauchte die verantwortlich zeichnende Künstlerinnengruppe wieder einen Eintrag in ihr Ausstellungsverzeichnis.

Die meisten Exponate des »LAKOMA-Archiv der Lausitz« wurden im Kassenbereich zusammengedrängt und damit auf den ersten Blick vermeintlich verschwendet. Dies wurde extra so arrangiert, damit willige Leute nicht jedes mal Eintritt zahlen mussten, wollten sie sich die prominent platzierten, stundenlangen Videodokumentationen über die „Zerstörung der Lausitz“ und „böses Vattenfall“ ansehen. Dafür brauchte man neben jeder Menge Sitzfleisch echtes Durchhaltevermögen.

Römisch Vier

Was nicht vorkam, waren die positiven Ergebnisse dieser Landschaftstransformationen. Es wurde nicht eingegangen auf die Früchte dieser Arbeit wie warme Wohnungen; Wassergrundstücke an den renaturierten Tagebaurestlöchern; Häuser, gemacht aus den Steinen des Plauenschen Grunds; individueller Wohlstand durch Arbeit; staatlicher Wohlstand durch Steuern oder gar Volvos aus Schwedenstahl.
Das einzige, was man für ein Produkt der Eisenerzmine in Kiruna hätte nehmen können, war ein auf einem alten Foto abgebildetes, gekentertes Kanonenboot. Typisch! So sehen sie aus, die Ausstellungen der deutschen Intelligentzija, deren Geld aus der Steckdose kommt.
Apropos Steckdose: Windräder kamen selbstredend nicht vor. Aber diese spezielle transformatorische Zerstörung von Landschaft ist ja  etwas  Gutes.

Zum Schluss noch eine lustige Sache. Genaugenommen war sie insgesamt ein Witz, die behauptistische Arbeit von Grit Ruhland. Sie drehte sich um Uranabbau in der Gegend von Ronneburg. Im Begleitheft steht dazu: „Die massiven Eingriffe in die Beschaffenheit der Landschaft zeigen sich oft nur subtil, in einer bestimmten Vegetation, in einem verstärkten Ausschlag des Geigerzählers…“ Um die Subtilität des (sozialistischen) Eingriffs zu sehen bitte klicken, et voilà: Die Titten von Ronneburg 
In den letzten zwanzig Jahren hat dann die verfluchte kapitalistische Moderne diese Landschaft für eine neue ausbeuterische und entfremdende Nutzung vorbereitet, die sie beschönigend Renaturierung nennt. So sieht es heute da aus.

Man könnte das KHDD-typische Schludern für diese schlimme, parteipolitische Ausstellung verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, dass das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

Praxisbeispiele Ostrale 2014 B) Politische Kunstausstellungskunst

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Hier bekommt ihr den zweiten Teil der Praxistipps der Ostrale 2014 nachgereicht. Die halbe Ostrale war voll mit dezidiert politischer Kunst. Es gibt trotzdem nur einen Ratschlag. Auf einige Werke ging ich schon in der Rezension der Ausstellung ein. Andere lasse ich unerwähnt, weil ich es für nicht hilfreich halte, wieder schlechte Videos oder Infografiken, die für Kunst ausgegeben werden oder Arbeiten, die mangels Substanz bestenfalls Bühnenbilder sind, hier anzuführen. Das bringt euch ja nicht weiter. Und für die akustischen Kunstwerke hatte ich am Ende vom Tag schlicht keine Zeit zur Sichtung.

B4) 2014 kündigte sich die heutige Welle der Asylbewerber schon an. Um sich solidarisch mit diesen Menschen zu zeigen, fotografierte eine Künstlerin Leute, während diese von einem Stuhl sprangen. Ein Foto in der sich diese Leute quasi im freien Fall befinden war ihre Vorstellung davon, wie man ein heimat- oder bodenloses Gefühl visualisieren könnte. Da ihr schwante, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss ist, übertrug sie diese Fotos 1:1 in Ölgemälde. Ausstellungsbesucher waren ausdrücklich aufgefordert, sich solidarisch fotografieren zu lassen.

An der Wand hing ein fertiges und ein halbfertiges Ölbild, sowie mehrere Fotografien von Besuchern der Eröffnungsfeier „im freien Fall“. In der Projektbeschreibung versprach die Künstlerin, vor Ort die Ölbilder zu malen und auszustellen. Leider ward sie bald nach der Eröffnung nicht mehr gesehen. Das ergab eine Nachfrage beim Aufsichtspersonal.

Ratschlag: Schon 2014 war vom Stuhl springen als Metapher für Flüchtlingsbefindlichkeiten seltsam naiv. Das Angebot, jeden der will, während der Ausstellungsdauer zu fotografieren und dieses Bild in Öl zu übertragen, ist ziemlich naiv. Wollt ihr so ein Projekt machen, muss euch klar sein, dass es auf einen 9to5-Job hinausläuft. Auch sollte die Finanzierung sowie Kost und Logis vorher geklärt sein. Ich rate zur Beschränkung. Entweder ihr macht nur Fotos von Stuhlspringern oder ein Foto und ein Ölbild.

 

Original Fotos eines Ostrale-Ölgemäldes, nicht von obiger Künstlerin. Religiöse oder politische Kunst? Egal, mir gefällt es!

gottlenkt

Ratschläge B1 – B4

Praxisbeispiele Ostrale 2014 – A) Raumaustattung/Inneneinrichtung

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ostraleerprobt2

Liebe Ratsuchende,

Mir ist dieser Tage aufgefallen, dass ich euch die versprochenen Praxisbeispiele der Ostrale 2014 noch schuldig geblieben bin. Ich hole dies hiermit nach und beginne wieder mit Ideen für den Wohnraum:

A4) Eine Wand in weinrot, darauf ein weißer Engelsflügel aus glasfaserverstärktem Polyester, 1,5 Meter groß. Rings um den Flügel Kalligrafie. Ein Gedicht? Eigene Aphorismen? In jedem Fall unlesbar. Schrift als grafisches Wandelement. Davor ein Beistelltischen mit einer kopfähnlichen Plastik. Sowas kann man zwar auch aus dem gehobenen Einrichtungshaus bekommen, wenn es jedoch selbst produziert ist, ist es doch irgendwie befriedigender. Man macht bella figura und kann es Kunst nennen.

Ratschlag: Die passenden Duftkerzen nicht vergessen!

 

A5) Ein hüfthoher Stapel Tageszeitungen, aus denen Pilze wachsen, sind ein schöner Verweis auf den DIY-Gedanken der Kunst. Solche Pilzzuchtsets für Seitlinge wurden vorallem in den 1990ern vom Gartenversandhandel angeboten. In jener prä-Internetzeit gab sogar Anleitungen auf Papier, wie man aus Pilzzucht einen Lebensunterhalt macht.

Ratschlag: Kunstzucht ist derzeit lukrativer als Pilzzucht. Vor allem im Zeitalter holzfreien Papiers. So ein lebendes Kunstwerk ist eine nette Anekdote für den elterlichen Keller. Also dort, wo auch der Rest eurer frühen Kunstproduktion bis zu eurem Durchbruch aufbewahrt wird.

 

A6) Die Türöffnung ist umklebt mit mehreren Reihen A4-Papier. Die Blätter sind alle mit denselben Bildern bedruckt. Abwechselnd in schwarz-weiß und weiß-schwarz.

Ratschlag: Auf das Muster achten! Es muss zu den Gardinen passen.

 

A7) Kreisrunde MDF-Platten von 1,20 Metern Durchmesser sind mit Indigo und Bleu bestrichen. Yves Klein lässt grüßen.

Ratschlag: Versehen mit einer LED-Hintergrundbeleuchtung gut für Schlafzimmer geeignet.

 

A8) Nimm ein Drahtnetz mit nicht zu feinen Maschen. Schneide Fahrradschläuche in 20 bis 30 cm lange Stücke. Stecke diese Stücke in das Drahtnetz, so dass die Schlauchenden alle zu einer Seite zeigen. Dann hast du nicht nur ein ostraletaugliches Kunstwerk, sondern auch eine schallschluckende Wanddekoration.

Ratschlag: Sehr gut für heutige, sparsam eingerichtete Wohnungen ohne Gardinen geeignet.

 

A9) Ein Gestell stand im Außenbereich, in welches mit Schnüren relativ frei schwingend unterschiedliche Bleche und andere flache Gegenstände eingespannt hatte. Davor war ein Gartenschlauch mit einem Gardenia-Pistolengriff deponiert. Man nahm den Schlauch und konnte mit dem Wasserstrahl auf den Blechen Töne erzeugen.

Ratschlag: Das ist etwas für Gartenfreunde mit Kindern oder zur Ausgestaltung des Freibads.

 

tuamoretu

Hier könnte deine Duftkerze stehen!

 

Ratschläge A1 bis A3 hier

Vorbericht Ostrale 2015 – Händel Wiss Kehr

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Liebe Ratsuchende,

In einer Woche ist wieder soweit. Am Freitag, den 10.7.2015 öffnet die „drittgrößte jährliche Schau zeitgenössischer Kunst“ in Dresden.

Las man noch im vorigen Jahr auf der Startseite des Ostrale-Internetauftritts einen Einführungstext, der sich in seinem Katastrophenfetischismus mit jedem Heavy-Metal-Album messen konnte, so ist in diesem Jahr etwas zu lesen, was in seinem Minimalismus nur mit der schwächsten Scheibe der Band „Kraftwerk“ vergleichbar ist. Problemlos lassen sich die zwei Sätze hier wiedergeben:

„Maßlosigkeit und Verschwendung, Habgier und Ausbeutung beherrschen unseren Planeten und werden unweigerlich zu einer Zerstörung unserer Welt führen. HÄNDEL WISS KEHR lautet der Aufruf der OSTRALE´015!“

Irgendwie bin ich enttäuscht. Schwächelt die Ostrale-Chefin etwa? Früher war sie doch immer für verbale Kraftmeiereien gut. Jetzt stehen da nur dürre Worte wie aus einem Businessplan. Dass man eine marktunabhängige Plattform wäre und ein Sprungbrett für junge, nichtetablierte Künstler. Schön und gut.  Unbeantwortet bleibt die Frage, ob jung und nichtetabliert gleichzeitig zutreffen muß und was von beidem wichtiger ist, um Ostrale-Künstler werden zu können.

Auf den Unterseiten des Internetauftritts, zu den Ausstellungen selber wird es etwas deutlicher, auch wenn hier die Verve verloren gegangen ist. Es wird Bezug genommen auf das Sachbuch „Zehn Millionen“ von Stephen Emmott (ein alarmistischer „wir-werden-alle-störben“ Bestseller), auf oben genannte Todsünden und auf Hinscheiden und Vergängnis, welches beides unweigerlich alles und jeden ereilen wird. Das hat für mich einen ziemlich katholischen Zungenschlag. Ob das an dem polnischen Kurator liegt? Einerseits klingt es natürlich spannend. Wenn die Ausstellung auch nur zur Hälfte so depressiv ist wie der Text sich liest, könnte sie interessant sein. Andererseits hat es in der Ostrale-Geschichte noch nie eine direkte Bezugnahme der Werke auf das Ausstellungsmotto gegeben.

Wie schon im letzten Jahr angekündigt, gibt es dieses Jahr einen Schwerpunkt Afrika. Offensichtlich war man bei der Fördergeldakquise dermaßen erfolgreich, daß es gleich für drei Jahre Afrika bis 2017 reichen wird. Auch hier wird Bezug auf ein Sachbuch genommen. Dambisa Moyos „Dead Aid“ (ein antipaternalistisches, für freie Märkte und mehr Eigenverantwortung plädierendes Sachbuch). Davon wird wahrscheinlich nichts in der Ausstellung zu sehen sein, auf die ich schon gespannt bin. Afrikanische Gegenwartskunst ist mir, mit Ausnahme von Flughafenkunst, unbekannt. Ich bin auf den Vergleich gespannt. Denn zeitgleich macht das Kunsthaus Dresden ebenfalls eine Ausstellung mit Afrika. Es sieht so aus, als würden sich in meiner Stadt weiße, privilegierte Europäerinnen einen Wettkampf um die beste postkoloniale afrikanische Kunstausstellung liefern. Ich informiere euch, wer gewinnt. Vielleicht ist es sogar Afrika.

Dann gibt’s noch was mit Kunst am Bau Graffiti. Und es gibt was mit Essen aus Italien. Oder wars Belgien? Der Teil liest sich konfus, ist also ganz die alte Ostrale, wie wir sie kennen. Die Eröffnung kann jeder besuchen, der 7 Euro an der Abendkasse bezahlt. Normal kostet das Tagesticket wieder 14 und das 5 Tagesticket wieder 30 Euro.

 

Ich bleibe dran für Euch!

Vorsicht mit Kunst im öffentlichen Raum!

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Liebe Ratsuchende!

Guerilla-Aktionen mit Kunst im öffentlichen Raum sind schön und gut. Sie sollten aber harmlos daherkommen oder so angelegt sein, daß man nicht auf euch als Urheber kommt. Polizei- und Feuerwehreinsätze und Sperrungen von Bahnhöfen oder Brücken etc.  wird regelmäßig teuer für die Verursacher, so sie denn gefunden werden.
Ich warne aus aktuellem Anlass. Gestern gab es einen Polizeieinsatz am Dresdner Hauptbahnhof wegen dieser Installation mit dem Titel „I’M NOT HERE“:

Wiener Platz Kunst
Sie hat die schwärmerische Frühlingssehnsucht der Romantiker, die gerade in und um Dresden ihre Treffpunkte hatten, ins Hier und Heute übersetzt, nicht ohne auf die Entpersonalisierung der Produktionsverhältnisse in heutiger Zeit hinzuweisen, wie es schon die Romantiker taten. Außerdem ist das Werk eine Auseinandersetzung mit den Grundlagen der heteronormativen Gesellschaft, die dringend des Aufbrechens durch Gender Mainstreaming bedarf, um Männer in die sozialen Pflichten einer Haushaltung einzubinden. Es ist eine einzige Anklage gegen abwesende Väter, die nach der Hit-and-Run-Methode Frauen schwängern und sich dann aller Verantwortung entziehen. Diese Intervention im öffentlichen Raum thematisiert die gerade in Dresden kontrovers diskutierte Refugee-Problematik und weist darauf hin, das wir alle Flüchtlinge sind, fast überall.

Weitere Interpretationen dürft ihr gern im Kommentarbereich hinterlassen.

Rakelige Kunstausstellungskunst selbstgemacht – Ratschlag 78

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Liebe Ratsuchende,

Hatte ich euch im letzten Ratschlag noch geraten, Tapetenmuster künstlerisch umzusetzen, könnt ihr euch in einem nächsten Schritt in die Tiefe vorarbeiten und das Aussehen der Wand auf einem Bildträger festhalten.

Solche abstrakte Bilder sind derzeit groß im Schwange. Sie bieten den unschlagbaren Vorteil, daß man als Ausgangspunkt der Abstraktion jedes und alles behaupten kann. Ist die Farbstimmung mehr hell, dann habt ihr euch von einer Reise in die tunesische Sahara inspirieren lassen. (Nenn es „arabischer Frühling“!) Ist die Farbstimmung mehr dunkel, dann war der Ausgangspunkt Fotografien aus Auschwitz. Also nicht aus dem Ort Oświęcim, aber das habt ihr ja auch nicht angenommen, stimmt’s?.

Hier die Anleitung:

  1. Schritt: Nimm eine alte Bude.
  2. Schritt:Mach sie zum Ausstellungsraum.
  3. Schritt: Beschichte einen Bildträger mit verschieden Farbschichten. Geh immer wieder zwischendurch mit dem Rakel drüber. Wenn das Bild dekorativ genug ist, lass es trocknen.
  4. Schritt: Nenn solche Bilder irgendwie allgemein, aber eindeutig genug, sodaß der Kunsthandel es später einfach hat. Nenn sie z.B. „Abstraktion 2015 (12/44)“. Liefer die Interpretation im Kunsterklärzettel.
  5. Wenn es dir schwer fällt, in eine passende mentale Stimmung zu kommen, dann mach die Eröffnungsparty vor Beginn des Malprozesses.

Das war doch einfach, oder?

Nehmt euch ein Beispiel an einem der teuersten noch lebenden Maler und derzeit größtem Künstlersohn Dresdens, Gerhard Richter. Der hat letzte Woche unter großem Medienecho neue Bilder in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hängen lassen. Diese sind von den Fotos aus dem KL Auschwitz-Birkenau inspiriert.

Keine Angst! Es ist alles im grünen, im korrekten, Bereich. Selbst Gerhard Genie würde sich nichts erlauben und sich etwa vom Auschwitz-Album aus Jad Vaschem inspirieren lassen. Die von ihm verwendeten Fotos sind nicht von Wachmannschaften beauftragt oder gar geschossen, sondern von Häftlingen fotografiert worden. Zu sehen auf Wikimedia.

Mir ist allerdings nicht klar, welchen Unterschied es machen soll, ob dieses Verbrechen von den Tätern oder den Opfern fotografisch dokumentiert wurde. Künstlerische Reflexion war unter diesen Umständen ohnehin nicht zu erwarten. Inwieweit bei den Fotos, die die Alliierten anfertigten, vom rein Dokumentarischen abgewichen wurde, vermag ich nicht zu sagen. Das ist aber sicherlich schon mal irgendwo wissenschaftlich untersucht worden.

 

Nicht nur wegen des heutigen geistigen Klimas unter unserer Intelligentsija steht einer künstlerischen Auseinandersetzung mit den Verbrechen eurer Urgroßväter nichts im Wege. So etwas kann man immer machen. Jede Generation aufs neue. Es könnte euch den Weg direkt in die Schauhallen der Kunstvereine öffnen, denn es gibt sehr wenig aktuelle bildende Kunst zum Thema von der 3. und 4. Generation. Spielfilme sind derzeit die Kunstform der Wahl, um sich des Themas anzunehmen.

Das KL Auschwitz-Birkenau ist jetzt zwar schon vergeben, aber es gibt ja noch genügend andere Fotos von genügend anderen KZs. Einfach Rakel rausholen und loslegen, liebe Ratsuchende! Mit der medialen Begleitung wird es schwieriger als bei Gerd „Genie“ Richter. Denn der Prophet aller Rakelschwinger ist an einem Punkt der Künstlerexistenz angekommen, wo alles, wirklich alles, was er jemals gemacht hat, macht und machen wird, als große Kunst in den Himmel gehoben wird. Er könnte mit dem Staubwedel von Forsait Farbe auf die Fensterscheiben des Albertinums spritzen. Beides würde sofort als Werk musealisiert. (die Performänz und die Spritzer, nicht der Staubwedel). Es sei ihm gegönnt, auf eine Stufe mit Picasso und Michelangelo gestellt zu werden. Ich bleibe skeptisch und warte mal lieber noch 120 Jahre, bevor ich in den Chor, der Gerhards Genius besingt, einstimme.

Eine schöne Idee finde ich die „Spiegelung“ der Ölgemälde durch gleichgroße Fotos eben dieser. Wer es schafft, seine auf Tafeln aufgezogene Materialsammlung an ein Museum zu verkaufen, der wird auch ein Foto seiner Ölgemälde in Originalgröße teuer verkaufen können. Definitiv eine Idee, die man sich merken sollte. So spart man sich Zeit und Produktionskosten. Die Kuratoren nennen das einen „Dialog zwischen Malerei und Fotografie“.

So geht das.

Herr Forsythe wieder – Choreographisches Objekt

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Der hier im Blog schon Thema gewesene nun-Ex-Choreograf und nur-noch-Künstler William Forsythe hat wieder zugeschlagen. Nach weißen, an sensorgesteuerten elektromotorgetriebenen Winden hängenden Luftballongs im Festspielhaus Dresden und nach elektromtorgetriebenen Pendeln in Braitn hat er wieder zugeschlagen. Diesmal im Dresdner Lipsiusbau. Zu sehen sind zwei Industrieroboter, die schwarze Fahnen schwenken. Deshalb heißt dieses choreografisches Objekt auch „bläkk flägg“

2001 sah ich im Festspielhaus Hellerau solche Industrieroboter, wie sie mit Tänzern via moschnkäptschur softwär interagierten. robotlab hieß die Truppe und trat im Rahmen der cynetart auf. Das hat mir damals sehr gefallen. Daß es fast 15 Jahre dauert, bis diese Grundidee wieder aufgegriffen wird, hätte ich nicht gedacht. Auf die Interaktion mit Tänzern wurde heuer leider verzichtet.

Aber warum ich diese Ausstellung überhaupt erwähne ist ein Video, welches etwas versteckt im ersten Stock gezeigt wurde.
Liebe Ratsuchende, festhalten! Jetzt kommts:

1.Nehmt eine Schüssel aus Klarglas.
2. Füllt die Schüssel mit Wasser.
3. Gebt schwimmfähige Objekte (hier Erdbeeren) in dieses Wasser. Lass von oben einen Wasserstrahl in die Schüssel, so daß die schwimmfähigen Objekte (hier Erdbeeren) durcheinandergewirbelt werden.
4. Filmt das ganze. Wie ihr das Video nennt ist egal, aber schreibt im Kunsterklärzettel auf jeden Fall sowas wie:„Die Tatsache, dass man eindeutig Muster erkennen kann und die Erwartung des Betrachters eine tiefere Erkenntnis der Abläufe zu erlangen, sind wie eine leicht absurde Demonstration über die Freuden intuitiven choreografischen Verstehens.“ (William Forsythe)

Das ist definitiv einer Erwähnung in diesem Blog würdig. Ich bin begeistert! So muß das sein. Ab sofort werde ich euch auch Tipps für Kunstwerke geben, die sich von kindlichen Welterkundungen inspirieren lassen. Was haben wir als Kind nicht alles in Erwartung einer tieferen Erkenntnis beobachtet! Teig, der vom Löffel tropft; schmelzende Eiswürfel in Cola; Vanillesoße auf Götterspeise; Zucker und Zimt auf heißem Grießbrei; Schnee, der auf Tannen fällt und und und …

Das Besondere an dem Video ist sein Format. Es ist rund. Also nicht wirklich rund, sondern mit einer Maske versehen, so daß man nur die runde Schüssel und den Wasserstrahl sieht. Alles andere ist hinter Schwärze verborgen.
Originalfoto:

 

forsaiterdbvid
Eine gute Idee. Nehmt nächsten Sommer unbedingt eine Videokamera mit, wenn ihr die Verwandschaft zur Erntezeit im Schrebergarten besucht.

Ostrale 2014 – Fraktale

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Hangwärts Ostrale 14

Liebe Ratsuchende!

Einen Monat ist jetzt her, daß die Ostrale 2014 ihre Pforten schloss. Konnte man im letzten Jahr noch nicht klar sagen, wie sich die Ostrale nach der Reduzierung auf zwei Gebäude machen wird, wurde es in diesem Jahr deutlich. Der Grundton hat sich geändert. Keine Ausstellungspräsentationen mehr, die mit der Anmutung des Ludolfschen Schrottplatzes daher kamen und genau deshalb genau die gleiche Faszination auf das Publikum ausübten. Durch das geringere Raumangebot pro Präsentation erschien mir alles konzentrierter und fokussierter. In dem Teil mit der herkömmlichen Ostralebespielung fielen mir sogar Ansätze zur Stringenz auf. Fast so, als sollten Werke thematisch gruppiert sein. Ob es an der Neuaufstellung der „Firma“ Ostrale lag oder auch daran, daß der „Verdiente Kurator des Volkes“ Dr. Müller nach vielen Jahren nicht mehr mit von der Partie war? Ich weiß es nicht. Lösen konnte ich aber das Rätsel, was es mit der »drittgrößten jährlich stattfindenden Ausstellung von Gegenwartskunst in Deutschland« auf sich hat. Es fehlen die Kommas. Nach Documenta und BerlinBienale sieht sich die Ostrale als »drittgrößte , jährlich stattfindende , Ausstellung von Gegenwartskunst in Deutschland«.
Die O’14 zerfiel in fünf Unterausausstellungen, die sich deutlich voneinander unterschieden. Aber trotzdem war alles typisch Ostrale. Sie hätte also statt „äraund ju“ genausogut „Fraktale“ heißen können. Neben dem Ausstellungsteil der klassischen Ostrale gab es noch 4 andere Präsentationen, die allerdings nicht alle vom Ostrale-Tiem kuratiert wurden.

1) Herkömmliche Ostrale mit einigen Empfehlungen für Euch.
2) Die Ausstellung der Weightless Artists Association „Spartnic“ fand ich klasse. Weltraumthemen mag ich. Und die Ausstellungspräsentation war schick. Wenn man, wie ich, den Raum betrat, nachdem sich minutenlang keiner darin aufgehalten hatte, dann betrat man durch einen Vorhang einen total dunklen Raum mit schwarzen Wänden. Und erst beim zweiten Schritt reagiert die Beleuchtung. Aber es reagiert auch nur eine bestimmte Beleuchtung, je nachdem welchen Bewegungsmelder man mit dem ersten Schritt gerade aktiviert. So blieben Teile der Ausstellung immer im Dunkeln liegen. Die Qualität der Kunstwerke war weniger durchwachsen, als es die Ostrale an sich vermuten ließ. Den Teppich sollte es im Laden geben!
grauerteppsch

3) 25 Jahre friedliche Revolution – wichtiges Thema. Ohne sie gäbe es die Ostrale nicht. Trotzdem war die Präsentation nicht dolle. Es wurden Werke ausgestellt, deren Schöpfer mit Verve über Konsumterror und uns Dummköpfe, die wir dies nicht durchschauen, herziehen. Hätte nur noch gefehlt, dass sie offen über den Bedeutungsverlust des Künstlers an sich in der BRD lamentieren. Oh! Moment! Sie haben darüber lamentiert. Da verwechseln immer noch einige die Aufmerksamkeit des Zensors mit künstlerischer Relevanz.
Es mag an der Kooperation mit dem Künstlerbund Dresden e.V. liegen. Wie wir wissen, fördert der Freistaat Sachsen das Jubiläum „25 Jahre Friedliche Revolution“ mit Steuergeld. Die Förderung bekommen hauptsächlich Vereine. Der Vorsitzende des Künstlerbund Dresden e.V. ist Prof. Schieferdecker. Der vertritt mit Freuden obige Positionen und ist zufällig auch mit mehreren diesbezüglichen Assemblagen aus den 1990ern prominent vertreten.

Die Performänz-Videos vom Trio Petrovsky, Dorschner und Voigt sind irgendwie immer sehenswert, nur fragt man sich, was die halb verrotteten Reste einer Ausstellung mit einer Prämisse, die schon damals pubertär, dünn und lächerlich war und erst in den Nuller-Jahren durch die Republik tingelte, mit „25 Jahren Friedliche Revolution“ zu tun haben.
Auch fragt man sich, in wieweit Fotos von Graffitisprüchen von 1990 bis heute auf der O’14 richtig sind Sind diese Fotos, wenn schon nicht die Graffitis, überhaupt Kunst? Aber das ist eben die Ostrale.

Um den Förderrichtlinien genüge zu tun, wird einen Raum weiter an eine subversive Kunstaktion anno 1988 erinnert, die sogar durch die Deutsche Volkspolizei beobachtet wurde. Hört! Hört! Den vier Hanseln ist nichts passiert, da die VoPos davon ausgingen, die Abschlußaktion der gerade zu Ende gehenden Kunstmesse des DDR-Künstlerbundes zu sehen. So kam es jedenfalls seinerzeit mir zu Ohren. Egal, die Aktion bietet heute den Anlass, theatralisch mit blutroter Hillumination (ja, die Ostrale-Chefin projiziert selbst) und künstlerisch verfremdetem Stasi-Video von den Hauptbahnhofprotesten irgenwas zu beschwören. Schwamm drüber, daß die Protestierenden nicht extra für gegängelte Künstler auf die Straße gegangen waren. Hauptsache irgenwas mit friedlicher Revolution und Kunst.

Einen ganzen eigenen Raum gibt es für das Mnemosyne-Projekt. Die ausgestellten Werke sind voll ostraletauglich. 500 gelbe Badewannenenten in Fünferreihen zur Parade antreten lassen, und der halbe Raum ist schon mal belegt. Immerhin sind es DDR- Badewannenenten. Ein überdimensionierter Stöpsel soll ein rundes Sitzmöbel sein auf das sich niemand setzt, weil alle es für ein Kunstwerk halten. Und die Gummischlauchwolke, aus der es in eine Schale regnet, ist immer wieder lustig, wenn sie irgendwo gezeigt wird.

4. Die Länderpräsentation „Tschechische Republik“ brachte eine tschechische Wanderausstellung nach Dresden, die sich „Borderlinesyndrom“ nennt. Hier wurde sie etwas zerpflückt präsentiert. Auch wurde schamhaft der Bezug zu den Sudeten verschwiegen. Sie gefiel mir ausgesprochen gut. Spontan rief ich aus: „Jaroslav, ich möchte ein Bild von Dir!“.

5. „Preiwett Neschionelism“ war ein durchwachsenes Sammelsurium von mehr oder weniger osteuropäischen Künstlern und ihren künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Identitätsproblemen ihrer Länder und deren Bewohnern. Holland war auch vertreten. Deutschland fehlt. (Aber wir haben so was ja auch nicht nötig. Deutsche Künstler arbeiten sich am Fremden ab, nicht am Eigenen.) Vorallem die Videos waren sehr oft rein beschreibend und manches war mir mangels tieferer Länderkenntnisse unverständlich. Ich komme noch darauf zurück, wenn ich euch einzelne Werke vorstelle, liebe Ratsuchende.

Interessant war, daß akustischen Kunstwerken auf der O’14 viel Raum eingeräumt wurde. Da hat eine Fünftageskarte schon Sinn. Nur leider hat das einem keiner vorher gesagt.

Was in der Austellung an Stringenz zugenommen hat, hat in den kostenlosen Begleitheften abgenommen. An der Kasse bekam man zwar einen kostenlosen Lageplan. Aber erst in einem anderen Heft waren die Künstler mit ihren Hängungen abgedruckt. Dann aber auch nicht mit den Werktiteln, sondern mit Stähtments. Generell war das alles sehr zusammengewürfelt. Zum Glück gibt es einen Katalog. Zweibändig und diesmal mit Fotos aus der Ausstellung. Nicht wie der letztjährige mit seinen stailischen Promobildern. Ein umfangreiches Werk, welches ich in der Ostrale-Kantine nur kurz durchblätterte.
Katalog 1 HEU
Katalog 2 FUTTER
Nein, gelesen habe ich die Kataloge noch nicht. Ich möchte mein Urteil weitgehend unbeeinflusst abgeben.

Für meinen Geschmack war es diesmal viel zuviel DresdnerKunstszene®. Mit den Länderthemen darf es gerne weitergehen. Das wird es wahrscheinlich auch. Im Abschlußinterview sprach die Ostrale-Chefin davon, daß es nächstes Jahr Sachen aus Afrika zu sehen geben soll.
Afrika? War da nicht was? Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden machen schon was mit Afrika. Das Aninstitut für Ausstellungstheorie und -praxis macht ebenfalls was mit Afrika. Jetzt auch noch die Ostrale. Wieso das? Aha, ein Förderprogramm der Kulturstiftung des Bundes macht es möglich.

Die Kunstinstitutionen folgen dem Geld. Soll man jetzt auf den Konsumterror schimpfen, der uns Kunstkonsumenten in Dresden bis weit ins nächste Jahr mit afrikanischer Kunst terrorisiert? Prof. Schieferdecker, übernehmen Sie!

erwSkulp
Dürfen in keiner Überblicksaustellung zeitgenössischer Kunst fehlen – Sperrmüllsien, als erweiterte Skulpturen getarnt.

Kunsthaus Dresden – Schludern im Osten

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Liebe Ratsuchende!

Am 28. 9. 2014 endeten drei Ausstellungen. Alle fanden im Kunsthaus zur gleichen Zeit statt. Sie hießen „soschiäll moschns“, „dschörmänn ängst“ und „demo tähp“.

Ob es ein neuer Trend ist, thematisch verwandte Werkgruppen von verschiedenen Künstlern als Einzelausstellungen zu deklarieren und damit die Statistik aufzublähen, bleibt abzuwarten. Allerdings ist klar, warum das Kunsthaus gesplittet hat. Die sächsische Staatsregierung warf eine halbe Million Euro ins Rennen, um das Gedenken an «25 Jahre friedliche Revolution» zu fördern. Dieses Fördergeld soll hauptsächlich an Projekte von Vereinen gehen. Deshalb ist bei der diesjährigen Ostrale der Künstlerbund Dresden e.V. mit an Bord und das Kunsthaus Dresden hat seinen „Freundeskreis Kunsthaus Dresden e.V.“ mit der erfahrenen Frau Brose-Eiermann vorgeschickt.

Dieser Verein gilt als Veranstalter der Ausstellung „DEMO TAPE“ mit Gemälden von Markus Draper.
Der Künstler hat Einzelbilder von dem bekannten Video über die Leipziger Demo anno 1989 auf Leinwand übertragen. Jeder, der irgendwann mal eine Fernsehsendung zum Thema sah, kennt das Video. Als Dresdner halte ich mich für unverdächtig, diese Gemälde mit zuviel Bedeutung aufzuladen. Ich find sie trotzdem gut in ihrer Darstellung von Massenaufläufen. Handwerklich richtig gut gemacht sind sie. Erst wurde das eigentliche Bild auf die Leinwand „getüpfelt“ und dann wurden die schwarzen Linien als Simulation von Zeilen eines schlecht auflösenden Röhrenbildschirms hinzugefügt. Die Bilder wirken aus drei Metern Entfernung besser als wenn man unmittelbar davor steht.
Glücklicherweise haben wir aus dieser Zeit kein einzelnes ikonografisches Bild, wie der „tank man“ etwa. Die Implosion der DDR war dazu zu komplex. Es ist daher kein Wunder, daß die relevantesten Kunstwerke zum Herbst `89 bisher Romane waren. Sehr komplexe Romane. Und ihre Verfilmungen. Ich bin gespannt, was noch an bildender Kunst zum Thema kommen mag.
Im Übrigen ist die Vereinspublikation zur Ausstellung ein schlechter Witz, für den man auch noch 1,50 bezahlen soll.

Der Versuch einer Gegenposition war die zweite Ausstellung. „GERMAN ANGST“ mit Werken von Annette Weisser.
Wie man dem Kunsterklärzettel entnehmen konnte, ging es im Kern um die alte Beschwerde der Westdeutschen, daß die Ostdeutschen mit ihrer friedlichen Revolution die Protestbewegungen der 80er in der ehem. BRD überstrahlen. Deshalb sollte in dieser Ausstellung eine Westdeutsche ihre Position in Bezug auf diese politische Proteste zeigen. Es hätte interessant werden können. Es war bieder und betulich.Es war Spießerkunst⁳.
Ob es daran lag, daß es einfach die lieblose Resteverwertung einer Ausstellung der Künstlerin mit dem Titel „Make yourself available“ im Heidelberger Kunstverein 2013 war, dessen derzeitige Chefin übrigens das Dresdner Kunsthaus 2007/8 als Mutterschaftsvertretung leitete? Oder lag es daran, daß die Ausstellung 2013 den Akzent auf eine Jugend in den 80ern in der süd(west)deutschen Provinz legte und nicht direkt auf die gesellschaftlichen Proteste jener Zeit? Oder lag es an der guten alten westgerman supremacy, die natürlich niemand zugeben würde, die aber gern zum Schludern im Osten verführt? Ich halte alles das für sehr wahrscheinlich.

Es bleibt wiedermal ein nicht zufriedenstellendes Arbeitsergebnis der kuratierenden Kunsthauschefin. Es scheint ohnehin, als wäre ihre Stärke seit einiger Zeit vom Kuratieren zum Texteverfassen gewandert. Obwohl diese Texte zunehmend ein Lektorat vertragen könnten. Wenn man die Kunsterklärzettel von Frau Christiane ließt, dann denkt man: Oho! So so! Wenn man die Ausstellungen sieht, denkt man: Hä? Wie jetzt? Deswegen gehe ich durch eine Ausstellung grundsätzlich erstmal ohne textliche Hilfestellungen und lese erst im Nachhinein, was der Kurator meint, was ich hätte sehen sollen.
Hier z.B. gibt es als Einstieg in den Begleittext ein starkes Zitat einer amerikanischen Künstlerin. Annette Weisser wäre in den 80ern „wie ihre Altersgenossen gefangen zwischen einem Horror vor dem deutschen Faschismus wie auch dem Ekel vor den offiziellen Bekenntnissen der Reue.“ Oho! Ein schiefer Skylla-und Charybdis-Vergleich! Was soll uns das jetzt sagen, fragte ich mich? Spricht hier diese oder jene etwa, allein schon durch die Weiterverbreitung des Zitats, dem „Schuldkult“ das Wort? Moment! Was hat das überhaupt mit Anti-Atom–Protesten und Ostermärschen zu tun, fragte ich mich weiter? Dann fand ich heraus, daß das Zitat aus einem englischen Text zur 2013er Ausstellung kommt. Es hat es offensichtlich nur deshalb ins Kunsthaus geschafft, weil es das einzig Aufregende an der ganzen Ausstellung ist. Ob die westdeutschen Altersgenossen der Künstlerin wirklich so empfanden, kann ich nicht sagen. Ich als mitteldeutscher Altersgenosse kann aber ungefragt klarstellen: Hier in Dresden war in den 80ern die Uhr schon lange weitergelaufen. Selbstverständlich hat unsere Besatzungsmacht uns, den DDR-Deutschen, nichts geschenkt, wenn es um die Kriegsverbrechen ging. Und die Kommunisten schenkten uns nichts, wenn es um die NS-Verbrechen ging. Aber trotzdem drehte sich die Erde weiter. Wir waren nicht gefangen von einem Horror vor dem deutschen Faschismus. Definitiv nicht, denn der war irgendwann vorher aufgearbeitet. Und ein offizielles Reuebekenntnis wie in der BRD gab es nicht. Es gab immer hohler werdende Bekenntnisse zu Frieden und Sozialismus. Man brauchte solche öffentlichen Bekenntnisse nicht ernstnehmen. Trotzdem konnte man eine Haltung gegen Krieg und nationalen Sozialismus haben.
In der DDR in den 70ern war unsere Eltern endgültig aus den Ruinen auferstanden und in den 80ern hatten wir uns der Zukunft zugewandt. Es gab dann das ganze Jahrzehnt eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie diese Zukunft aussehen sollte. Da wir uns als Gesellschaft nicht einigen konnten, führte der Meinungsfindungsprozess letztlich zum Herbst `89 und in dessem Gefolge zur deutschen Wiedervereinigung. Nun in der BRD, wurden wir neben vielem anderen plötzlich wieder mit den Lippenbekenntnissen zu etwas längst Bewältigtem überrascht. Wie retardierend! Aber besser als sich davor zu ekeln ist es doch, den Mund aufzumachen und zu sagen, daß man sich ekelt. Also macht den Mund auf. Wovor habt ihr Angst?
Heute fühle ich mich sehr oft in die Zeit der DDR zurückversetzt, z.B. wenn Musikgruppen erst auftreten dürfen, wenn sie sich öffentlich zu Frieden und Sozialismus dazu bekennen, politisch Links zu sein. Ähnlich ist es in der bildenden Kunst. Was auch nur danach riecht, nicht links zu sein, wird nach Möglichkeit ausgemerzt. Dieser Gefahr der gesellschaftlichen Ächtung sind sich alle Künstler bewusst. Deshalb ist das meiste, was sich heute als Kunst mit Politik beschäftigt, schlimmer Schranz. Bierernste Kopfgeburten; politisch überkorrekt und so langweilig, daß man aufpassen muß, nicht lang hinzuschlagen beim Anschauen.
Dafür sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen, Bürger! Aber jede Revolution frisst ihre Kinder. Selbst wenn sie so friedlich wie die vom November 1989 sind. So geht das.
Das Zitat entstammt offensichtlich der angelsächsischen Tradition, eine Rede mit einem Knalleffekt zu beginnen, um die volle Aufmerksamkeit zu erhalten und hat keine darüberhinausgehende Bedeutung. Reinstes Marketing.

Die dritte Ausstellung hieß „SOCIAL MOTIONS“ mit Werken der mal als serbisch, mal als ungarisch bezeichneten Katarina Sevic und ihrer Kunsttruppe Tehnica Schweiz.
Ein kompletter Totalausfall. Das Hauptwerk war ein Video einer Performänz, wo Leute über eine Stadtbrache staksen. Ohne Kunsterklärzettel wusste man nicht, was gemeint sein könnte. Eine Performance mit fragwürdigen Prämissen und dünner Unterfütterung. George A. Romero hat das bereits 1968 wesentlich besser abgefilmt. Null Punkte – Durchgefallen.
Generell ist zu sagen: Selbst wenn das heimliche Oberthema dieser drei Ausstellungen »Individuum und Gemeinschaft« gewesen sein sollte, so waren es wieder zwei Ausstellungen des Kunsthaus Dresden, die nicht zufriedenstellten. Mir ist wieder mal bestätigt worden, daß in der ehem. BRD sozialisierte Menschen mit diesem Thema einfach überfordert sind. Nicht mal bis zu unserem Nationalfeiertag war geöffnet.

Zum Glück braucht die Kunsthauschef_in nicht um ihren Stuhl bangen, nachdem sie jetzt wieder erfolgreich Drittmittel für das „Aninstitut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ eingeworben hat. Ab Mitte Oktober gibt es für vier Wochen die Ausstellung der Meisterschüler_innen-Absolvent_innen der HfBK Dresden. Da ist nichts falsch zu machen. Und danach gibt es die nächste Versuchsanordnung, in der für 5 Monate Ausstellungstheorie praktisch erforscht wird.
Ich bleibe dran.

Dieser Text ist ein Beitrag zum Jubiläum «25 Jahre friedliche Revolution». Leider wurde versäumt, Fördermittel abzuschöpfen.
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Hoch die internationale Solidarität!


Sommergeplauder: Das Kunsthaus Dresden

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Gestern macht ich es mir auf der Kautsch gemütlich und genoss eine eiskalte Fruchtlimonade. Währenddessen schaute ich die abendlichen Lokalnachrichten des MDR. Und was soll ich sagen, es lief ein Beitrag über die Ostrale 14. Mit guten Ratschlägen und Kritik dabei – Frau Elly Brose-Eiermann. Ja, die heißt wirklich so, wie in einem Bibi-Blocksberg-Heft die Honoratiorinnen heißen. Frau B-E betrieb in der Stadt mal eine Galerie, die sie jedoch auf Eis gelegt hat. Sie macht aber immer noch „was mit Kultur und Kunst“. Unter anderem ist sie im Freundeskreis des Kunsthauses Dresden und kuratiert dort gelegentlich einen Raum mit Kunstwerken der Sammler des Freundeskreises, passend zur jeweiligen Ausstellung .
Was Zeitgenössisches betrifft, macht die Ostrale dem Kunsthaus ernstlich Konkurrenz, überlegte ich mir gestern auf dem Sofa. Und dann fiel mir ein, daß ich ja mal meine bisherige Feldforschung zum Kunsthaus hier zum Besten geben kann. Ich hatte es ja oft genug angekündigt.

Das »An-Institut für Ausstellungstheorie und –praxis«, auch »Kunsthaus Dresden« genannt arbeitet seit September 2013 wieder.
Die erste Ausstellung hieß „Lines/Linien“. Nachdem sich vor der einjährigen renovierungsbedingten Schließzeit zuletzt die Nachwuchskuratoren austoben konnten, galt diesmal: Hier kuratiert die Chef_In selbst. Allerdings lies sie sich beim Begleitprogramm von einer jungen Kuratorenhoffnung helfen. Ganz wie es dem Geist des An–Instituts entspricht. Die Chefin heißt nicht Brose-Eiermann, sondern Menicke-Schwarz, Christiane
Offizieller Leitspruch war. „Lines/Linien:widmet diese Ausstellung der aktuellen Wirkungsmacht des Mediums Zeichnung und den Übergangszonen zwischen gezeichneter Linie und realer räumlicher Umgebung, künstlerischer Geste und sozialem Handlungsraum“
Ja, einige klassische Zeichnungen waren auch zu sehen. Ansonsten gab es neben Fotos und Bildergeschichten noch Videos, Performänzes und Videos von Performänzesen, die sich irgendwie mit Linien beschäftigten.
Ganz witzig war Irene Pätzungs Maschine zur Verfertigung von Apparatezeichnungen. Auch wenn diese von vornherein keine einzige Linie erzeugt hat, da sie mit einer Strichstärke von 15 Zentimetern und kreisförmigen Bewegungen in kleinstem Radius arbeitete. Egal. Das hat die Künstlerin mit ihrer Performänz am Elbufer wieder wettgemacht, als sie eine Linie durch die Landschaft zog. Die Linie war unsichtbar und das „Zeichengerät“ war eine große rote Kugel. (siehe Foto von der Eröffnung)
khdd lines 2013
Auf diesem Niveau war die gesamte Ausstellung. Es gab Line-Dance zum Mitmachen. Es gibt bis heute ein SOS, im Morse-Alfabet dargestellt, als drei Zeilen Jeff-Koons-artiger Metallbeulen an der Außenwand des Kunsthauses zu bewundern. Es gab eine Fußbodenausgestaltung, die einen glauben machen sollte, man befände sich auf einem Amerikähn-Fuhtboll-Feld. Diese Yard-Linien – ihr wisst schon.
Es gab ein großformatiges Foto eines Afrikaners mit seinem Fahrrad. Das hing deshalb da, weil der Fotograf des Bildes in einem Atlas mit einem Lineal eine Linie durch Afrika gezogen hatte und dann diese Linie im echten Afrika abgeradelt ist. Das weiß ich aber nur, weil die Serie, zu der dies Foto gehörte, schon auf der Ostrale 13 zu betrachten war und dort erklärt wurde. Der Ostrale–Star Jakob Flohe war übrigens auch wieder mit von der Partie.
Es gab eine Landkarte, in die als Linie der Stadtrundgang des Künstlers eingezeichnet war. Die Ursprungsintention war zwar eine ganz andere, aber egal. Linie ist Linie und Lain ist Lain. Oder ist Lein Lein? Ich glaube, irgendwas mit Wäscheleine war auch zu sehen.
In einem Satz: Es war schrecklich.
Aber zum Glück wissen wir ja, daß das Kunsthaus Dresden eigentlich das »Aninstitut für Ausstellungstheorie und –praxis an der HfBK Dresden« ist. Deshalb war das auch keine Ausstellung im üblichen Sinne, sondern eine Versuchsanordnung. So müssen wir uns nicht grämen, wenn der formulierte Anspruch nicht eingehalten wurde. Wenn die gezeigten Werke meilenweit vom Ausstellungsthema entfernt waren und nur dank Querdenken um drei Ecken in den Kontext passten. Wenn gefilmte Witze aufgeplustert wurden, bis sie wie richtige Kunst aussahen und wenn Kunst über das Anekdotische nicht hinauskam. Das diente alles der Wissenschaft!

Am 2.12.13 ging die nächste Versuchsanordnung in Betrieb. Mithilfe dieser wurden dann unglaubliche 5 Monate lang Daten gesammelt. Bis zum 5. Mai 2014 gab es „Vot ken you mach ?“ Kunst, Filme, Konzerte, Lesungen, Gespräche, Comics zu jüdischen Identitäten in Europa heute
Identität als Thema ist für mich interessant. Deshalb war ich gespannt auf die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Kunsthaus Dreden spielte aber von vornherein auf Sicher und wählte als Thema »jüdische Identität + Europa + heute«
Erst war ich skeptisch. Aber was soll ich sagen? Es war eine hervorragende Ausstellung. Ich war mehrmals da, um die ganzen Videoarbeiten ausgiebig anzuschauen. Ob die Qualität an der Zusammenarbeit mit ausländischen Kuratoren lag oder daran, daß diese Austellung noch durch Europa wandert, wer weiß? Ich hoffe, daß es kein statistischer Ausreißer war.

Die dritte Versuchsanordnung des „An-Institut für Ausstellungstheorie und –praxis“ ist noch bis diesen Sonntag ein reines Schülerprojekt. So ist das, wenn man keine Ausstellungen macht, sondern Versuchanordnungen.

Das Forschungs-Programm bis weit ins nächste Jahr ist veröffentlicht. Ein paar auf den ersten Blick abseitige Themen stehen an. Warten wir es ab. Ich bleibe drann.

Klick hier für den Webauftritt des «An-Instituts für Austellungstheorie und -praxis»

Schönen August noch!

Ostrale 2014 – Schatten werden vorausgeworfen

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Die diesjährige Ostrale wirft ihre Schatten vorraus. Am 18. 7. wird sie eröffnet. Auf Fähsbukk könnt ihr erste Fotos mit bereits aufgestellten Werken in den Räumen sehen. Es sieht sehr vielversprechend aus, liebe Ratsuchende!
Ich werde einen ausgiebigen Rundgang unternehmen und euch anhand der erlebten Praxisbeispiele hier wieder Ratschläge bereitstellen. Die Eintrittspreise sind saftig. Ein Tagesticket 14,- € und ein 5-Tages-Ticket 30,- €. Nur wer, bitteschön, will wirklich an 5 Tagen diese Austellung besuchen? Selbst wenn sich die O’14 seit letzter Woche „eine der größten internationalen Panoramaausstellungen für zeitgenössische Künste in Europa“ und „drittgrößte jährlich stattfindende Exposition von Gegenwartskunst in Deutschland“ nennt. 5 Tage? Ich denke nicht.

Das Motto ist diesmal: Äraund juh. Denn „die Ostrale’O14 ist offen für die Welt äraund ju“. Wiedermal sollen Sichtweisen geändert und das Bewusstsein für das aktuelle Geschehen um uns herum (also äraund ass) geschärft werden. Dazu noch Buzzworte wie Japan und verstrahlter Abfall, Geheimdienste und arabischer Raum, Smartphone und Revolution usw usf. Das klingt alles, als wären die Friedrich-Ebert- und die Heinrich-Böll-Stiftung heimliche Hauptsponsoren. Da bin ich gespannt, ob dieses Jahr die politische Kunst der O’13 getoppt werden kann. Um starke Sprüche war das Management jedenfalls noch nie verlegen.

Daß die diesjährigen Plakate und Fleier von Hadrian Durst entworfen wurden, ist nur ein Gerücht. Seine Galerie, die Galerie Schürhaken, erklärt dazu auf Anfrage: „Hadrian Durst hat nichts mit der Organisation der Ostrale zu tun. Außerdem malt er, wenn er sie malt, weiße Quadrate auf bunte Punkte und nicht umgekehrt. Hadrian Durst ist kein junger Künstler mehr. Hadrian Durst ist etabliert und würde deshalb nicht zu dieser Austellung zugelassen. Wir wünschen der Ostrale alles Gute.“

Zum heutigen Abschluß noch zwei meisterhafte Passagen aus der Selbstdarstellung der Ostrale O’14.
Europa als Körper einer scheinbar universellen Idee zeigt Risse.
Dabei setzt die OSTRALE gezielt auf künstlerische Positionen, die hier wie anderenorts Fragen aufwerfen, die bewegen, irritieren und verbinden. Im Erkennen unterschiedlicher Identitäten und Ausdrucksweisen, sowie ihrer gleichberechtigten Beteiligung am Diskurs innerhalb der Zeitgenossenschaft sehen wir wichtige Potentiale eines weltoffenen Europas.

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