Sommergeplauder 4: Das Kunsthaus Dresden dreht das große Rad oder Fördermittel beflügeln!

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Hochsommer, mein Tiekholzdecktschär und ein richtig schön kalter Eistee bringen mich in Plauderlaune. Heute plaudere ich ein wenig über die letzte Ausstellung der Saison im Kunsthaus Dresden Sie begann am 20.6.2015 und endet am 20.9.2015.  Sie heißt:

Künstliche Tatsachen:Boundary Objects

 

Diese Ausstellung war der letzte Teil eines dreiteiligen Projekts, welches durch den Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes, durch das Goethe–Institut und durch das IFA bezahlt wurden. In der Projektbeschreibung las sich das so: „Mit Künstliche Tatsachen initiiert das Kunsthaus Dresden. Städtische Galerie für Gegenwartskunst zusammen mit Künstler/innen, Ethnolog/innen, Historiker/innen und Kurator/innen aus Südafrika, Benin und Deutschland ein internationales Recherche-, Kunst- und Ausstellungsprojekt. Im Zentrum des Projektes stehen Objekte aus europäischen und afrikanischen Sammlungen, deren historische Entstehung unmittelbar mit kolonialen Geographien und Ethnographien verbunden ist. Dabei interessieren sowohl der damalige wie heutige Status – etwa als Trophäe oder als Beweisstücke einer entstehenden wissenschaftlichen Disziplin – und die Biographien solcher Objekte, an denen die Zurichtungen, Nachbearbeitungen und Eingriffe am Gegenstand selbst deutlich werden, als auch die gegenwärtigen Konventionen und zukünftigen Möglichkeiten ihrer Zurschaustellung in Museen und anderen Ausstellungskontexten. Die Aktivierungen an drei Stationen – Cape Town, Porto-Novo und Dresden – verstehen sich als eine Plattform, um gemeinsam mit Partner/innen und Expert/innen aus afrikanischen Ländern neuartige künstlerische Handlungsformen und kulturelle Umgangsweisen zu erproben. Ziel ist es, in einem experimentellen Veranstaltungsformat jeweils einen unbefriedeten Sammlungsgegenstand exemplarisch zu aktivieren’ und davon ausgehend Formen des Umgangs zu skizzieren, die über eine wesentliche Kolonialität der Kultur (Derrida) hinausweisen könnten.“

Das klingt doch erstmal gut, oder? Zum unverzichtbaren Handwerkszeug von Kuratoren, hier eine Frau Goltz, gehört das Postulieren von Prämissen und die anschließende Untermauerung dieser mit irgendwelchen Zitaten von irgendwelchen Großdenkern. Würde ich mich nicht so höllisch vor der Derridaschen Desintegration fürchten, würde ich mal nachschauen, was der Jaques mit der „wesentlichen Kolonialität der Kultur“ gemeint haben könnte. Vielleicht erklärt es mir ein Mutiger(*)in unter euch. Ich hab da allerdings so meine Befürchtungen bezüglich Signalwörtern und so.
Die dritte und abschließende Station Dresden jedenfalls bekam eine Ausstellung im KHDD und verschiedene Vorträge der beteiligten Künstlerixinnen in den Räumen der HfBK. Einer der Hauptgründe für das Projekt scheint mir gewesen zu sein, Künstler_Ininnen auf Projektmittel die Welt bereisen zu lassen. Da habe ich nichts dagegen.

Der Anspruch war: „Mit zum Teil eigens für die Ausstellung entstandenen Werken fordern internationale Künstler/innen den eingeübten Museumsblick der visuellen Kolonisierung heraus. In ihren Arbeiten untersuchen die Künstler/innen Blickregime und hinterfragen die Geste des Zeigens und Repräsentierens und letztlich der Konstruktion des ‚Anderen’ im Museum. Dabei interessieren sie sich für den zukünftigen Status der Objekte, die einstmals als kulturgeschichtliche Belegobjekte, Souvenirs und Trophäen gesammelt wurden und heute zunehmend einer globalisierten World Art zugeschrieben werden. Auf die Rahmung durch Vitrinen folgen nun Spotlight und Podest.“

Dieser Anspruch wurde nicht eingelöst. Eher war Ratlosigkeit das vorherrschende Gefühl beim Ausstellungsbesuch. Das ist kein Wunder. Wenn man als Außenstehender nur die Abschlussveranstaltung eines Projektes besucht, dass im vergangenen September begann, dann bleibt Fremdeln nicht aus. Es blieb mir bis heute unbekannt, was in Südafrika und Benin im Rahmen dieser „Aktivierungen“ alles vor sich ging. Die Ausstellung in Dresden war abweisend und seltsam hermetisch. Es war offensichtlich von vornherein nicht vorgesehen, dem uneingeweihten, aber interessierten Publikum von der Straße wie mir, eine zufriedenstellende Ausstellung zu geben.

Dabei hätte es interessant werden können. Diskussionen um den Umgang mit völkerkundlichen Hinterlassenschaften sind in Dresden seit den 1990ern nichts unbekanntes. Mal ging es um das Verhältnis heutiger indigener Mittelamerikaner zum Dresdner Maya-Kodex, mal um Federschmuck der nordamerikanischen Prärieindianer. Besonders hohe Wellen schlug die Rückforderung echter Skalpe durch american natives aus dem Karl-May-Museum im letzten Jahr. Das Thema ist in Dresden also durchaus präsent.

Wie war die Ausstellung? Es gab wieder die übliche Melange aus wenigen guten Sachen und viel Behauptismus. Sehr gut gefielen mir die Arbeiten von Dierk Schmidt und das Video von Penny Siopis. Da die Ausstellung ohnehin nicht wirklich für die Öffentlichkeit konzipiert war, frage ich auch nicht wirklich, was Paolo Nazareths Auseinandersetzung mit der Bevölkerung Brasiliens in einem Projekt über afrikanische Hinterlassenschaften in europäischen Museen zu suchen hat. Ich nehme an, er ist ein sehr charmanter Mann. Oder ich frage nicht, was ein Perfomänzabend mit kubanischem Voodoo sollte? Den hab ich aus Angst um mein Seelenheil lieber nicht besucht. Ich frage auch nicht, warum Karl Waldmann ausgestellt wurde? Die Geschichte hinter Karl Waldmann ist mit der Karl Ranseiers vergleichbar und entsprechend lustig. Aber nur weil auf Waldmanns konstruktivistischen Collagen Fotos afrikanischer Artefakte verwendet wurden, hängt er in dieser Ausstellung? Na, ich weiß nicht. Auch die Arbeiten des Burning Museum aus Kapstadt gingen am Thema vorbei. Es waren auf Riesig ausgedruckte, schwarzweiße JPEGs von irgendwas total Irgendwasigem. Nach dem Lesen des Kunsterklärzettels ist man nicht viel schlauer. Es ist halt blöd, wenn Wissen zum Kunstverständnis fehlt und auch nicht nachgeliefert wird. So wie hier das Wissen um das südafrikanische Wirken der Herrnhuter Brüderunität. Die Bilder erklärten auch nichts. Behauptistische Kunst, die die Kurve nicht kriegt.

Nun gut, ich bin kein Teil des Projekts, deshalb kann ich das vielleicht nicht beurteilen. Mit Lisl Ponger war auch ein inzwischen großer Name vertreten. Nur, was hat ihr Werk mit Afrika zu tun? Es dreht sich bei diesem C-Print um Nordamerika und die dortige indigene Bevölkerung. Vielleicht deshalb war noch extra ein Podest neben dem Bild aufgestellt. Es wurde suggeriert, dieses würde zum Werk Lisl Pongers gehören. Auf diesem Podest stand neben schwarz-rot-goldenem (!) Tinneff ein aufgeschlagenes Buch mit einem Foto, das Samoanerinnen bei einem Begrüßungstanz für den deutschen Konsul 1936 zeigen. Preisfrage: Zu welchem Kontinent zählt Samoa? Bonusfrage: Bis wann hatte Deutschland dort eine Kolonie? Die Antwort ist egal. Wenn es um die Nazizeit geht, ist auch das KHDD kaum zu bremsen. Deshalb bekam diese Zeit weit überproportional viel Raum. Und das meine ich wortwörtlich.

Reiterdeutsued

Dieses Buch ist nicht hilfreich!

Als Hobbyhistoriker freute es mich, ausführlicher mit der weithin vergessenen Deutschen Kolonialausstellung im Dresden des Jahres 1939 konfrontiert worden zu sein. Es hieß dazu im Begleittext: „Die Installation „VON EINGEBORENEN BESCHÄDIGT “ reinszeniert den kolonialen Blick der Dresdner Kolonialausstellung von 1939 und fragt nach der Herstellung einer exotischen und kolonialen Kulisse.“ Entweder erfuhr der Begriff der Reinszenierung in letzter Zeit einen grundlegenden Bedeutungswandel oder es ist die KHDD-typische Kuratorenlyrik. Zu sehen gab es Faksimiles von Zeitungsseiten, Ausstellungsplakaten und des damaligen Katalogs. Das ganze war an Sisalbespannung gepinnt, bekrönt von Geweihen afrikanischer Wildtiere. Richtig ist, dass es in der Ausstellung seinerzeit ebenfalls einige Ausstellungswände gab, die mit Sisalgewebe bespannt unter Antilopengeweihen standen. Die Instalation hier und heute gleich eine Reinszenierung zu nennen, ist allerdings Aufschneiderei. Die am Sisal angepinnten Pappen mit den Faksimiles waren bunt durcheinandergewürfelt mit Schautafeln, die die Geschichte des deutschen Reiterdenkmals in Windhuk erzählen. Dies deswegen, weil das Symbol der Kolonialausstellung jenes Denkmal aus ehemals Deutsch-Südwest gewesen wäre. Das ist leider falsch. Einzig die Deutsche Reichspost benutzte das Reiterdenkmal für ihren Sonderstempel. Aber diese ins Auge springende Tatsache hat die Kuratorin und die Künstlerin Emma Wolukau-Wanambwa nicht bekümmert. Nur durch diese Geschichtsklitterung haben sie überhaupt erst eine Installation hinbekommen, die wunschgemäß beides verknüpft, deutsche Kolonien und Nazis. Sehr schön waren die im Raum verteilten jungen Sisalpflanzen aus Plastik. Zusammen mit den Sisalsäcken an der Wand und den Antilopenhörnern waren sie voll die Reinszenierung zur Herstellung einer exotischen und kolonialen Kulisse. (Vielleicht sollte ich dies mal beim nächsten Besuch in einem afrikanischen Spezialitätenrestaurantmal anbringen?) Und weil das noch nicht reichte, gab es noch eine große Vitrine mit Nazi-Propagandabroschüren zum Thema Kolonien zu bestaunen. Ganz interessant, wenn auch nicht zu den Projektprämissen passend. Aber die Botschaft ist so klar wie kurz: Deutsche Kolonien sind voll Nazi! Ich bedaure die armen Schulkinder, die in ihrer Projektwoche so etwas über sich ergehen lassen mussten.

Mir fehlten als Autseider eindeutig das interne Wissen, sonst hätte ich vielleicht etwas mit dieser Ausstellung anzufangen gewusst. So muss ich annehmen, die Kuratorin hätte hier bewusst irgendeine bunte Mischung Ausstellungsstücke nach der Methode der Google-Bildersuche zusammengesammelt und in das Haus geschüttet, nur um bei der Abrechnung der Fördermittel schicke Fotos von schick hergerichteten Ausstellungsräumen vorweisen zu können. Zum Glück ist Freitags der Eintritt frei!

Man könnte jetzt das KHDD-typische Schludern für diese Ausstellung verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, dass das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

cairopostnefertiti

Nicht immer bekommt man, was man erwartet!

So, das war es erstmal mit dem Kunsthaus Dresden. Vielleicht sollte ich es ab nächster Saison für meine Praxistipps berücksichtigen. Bis jetzt sind noch keine Ausstellungspläne für die Saison 2015/2016 durchgesickert. Sehr viel schlimmer als die vergangene Saison kann es eigentlich nicht werden. Ich bin gedämpft optimistisch und bleibe drann!

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Sommergeplauder 2: Das Kunsthaus Dresden im Rausch der Romantik oder Anticapitalismo rulz!

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Hochsommer, meine Holliwudd-Schaukel und ein Glas Eistee bringen mich in Plauderlaune. Heute möchte ich ein wenig über die erste Ausstellung der Saison im »An-Institut für Ausstellungstheorie und –praxis der HfBK Dresden«, auch als »Kunsthaus Dresden« bekannt, plaudern. Sie lief vom 21.11.14 bis zum 15.3.15 und hieß:

Kirunatopia
Im Schatten der Zukunft / Kunst zu Landschaft und Ressourcen im 21. Jahrhundert

Während meines Besuchs hatte ich ein seltenes Erlebnis. Je länger ich blieb, desto mehr stieg mein Blutdruck. Am Ende war ich so wütend, hilflos und verärgert, dass ich am liebsten mit meinem Selfiestick dazwischen geschlagen hätte. Nur konnte ich mir nicht erklären, was mit mir passiert war. Erst viel später traf mich die Erkenntnis wie eine kalte Dusche: Ich sollte manipuliert werden. Und zwar auf das Bösartigste. Aber von Anfang an:

Römisch Eins

Es gibt in Nordschweden die weltgrößte Eisenerzmine. Diese Mine hat für ihre Bergarbeiter eine Siedlung, inzwischen stadtgroß. Diese Stadt heißt Kiruna. Nun ergab es sich zur Jahrtausendwende, dass diese Bergarbeitersiedlung um einige Kilometer verschoben werden muss, um die Sicherheit der Bewohner vor Bergschäden und die weitere Ausbeutung der Erzmine zu gewährleisten. Bezahlt wird das von der Minengesellschaft und es gibt darüber Konsens mit den Bewohnern.
Diesen Umzug nahm das Goethe–Institut Schweden zum Anlass, 2007 ein Kunstprojekt in dieser Stadt zu starten, deren Ergebnisse 2012 daselbst ausgestellt wurden.
Der Chef vom Goethe-Institut Schweden, Rainer Hauswirth, schreibt dazu im Einführungstext: „Die Ausstellung Kirunatopia (2012), initiiert vom Goethe-Institut Schweden, in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt Kiruna, widmet sich den Fragen zu der Geschichte der Rohstoffgewinnung, industrieller Transformation und Landschaft als Konzept der Moderne.“
Landschaft als Konzept der Moderne? Der Beginn der Moderne wird verschieden terminiert. Während das für die meisten Leute die Gründerzeit ist, gilt für die Philosophie die Aufklärung als Beginn der Moderne. Für die Soziologie wiederum wird gern die franz. Revolution 1789 als Markierung genommen. Dass die vormoderne Menschheit im Umkehrschluss kein oder ein anderes Konzept von Landschaft hatte, ist eine typische Kuratorenschwurbelei. Immerhin wird so eine Prämisse gesetzt. Zur Untermauerung dieser braucht es jetzt noch das Zitat einer Geistesgröße. Hauswirth zitiert Georg Simmel. der seinen Schaffenshöhepunkt um 1910 herum hatte:„Die Natur, die in ihrem tiefen Sein und Sinn nichts von Individualität weiß, wird durch den teilenden und das Geteilte zu Sondereinheiten bildenden Blick des Menschen zu der jeweiligen Individualität »Landschaft« umgebaut.“ Nochmal in heutigem Normaldeutsch: Die Natur liegt gemütlich da draußen rum und dann kommt der moderne Mensch und zerschneidet sie ungefragt einfach so in einzelne Landschaften.

Georg Simmel ist heute hauptsächlich als Begründer der Soziologie bekannt. Weniger bekannt, aber für diese Ausstellung viel wichtiger ist, dass er ein angesehener Vertreter der Lebensphilosophie war. Diese ist eine idealistische Philosophie. Sie lehnt Utilitarismus, Rationalismus oder gar ein materialistisches Weltbild ab. Sie arbeitet gern mit dem Intuitiven, dem Mystischen und Numinosen. Da passt beseelte Natur ganz gut dazu. Übrigens veröffentlichte Georg Simmel 1900 eine Philosophie des Geldes, in der er gegen die Vergötterung des Geldes, gegen Bankenmacht und Gewinnstreben anschrieb. Falls ihr jetzt vermutet, dass das etwas mit der Lebensreformbewegung zu tun haben könnte, dann vermutet ihr völlig richtig. Wir sind hier mittendrin in diesem Geisteskosmos.
Herr Hauswirth schreibt weiter in dem Einführungstext: „Dabei ist das Konzept einer ‘Landschaft’ wie Simmel es beschreibt, bereits selbst ein Nebenprodukt eben jener industriellen Moderne, eines Denkens der Neuzeit, das spätestens mit der Romantik auch die Naturwahrnehmung zerteilt und in funktionale Bereiche zerlegt, denen einerseits die Herstellung von Emotionen und andererseits die materiellen Ressourcengewinnung zugeteilt wird.“ Da haben wir sie, die deutsche Romantik. Wiedermal darf sie als die Gute gegen die Schlechte, die Moderne, in den Ring steigen. So fügt sich eins zum anderen. Damit es aber so richtig voll total romantisch wird, kommt jetzt noch der Edle Wilde ins Spiel. Mangels wirklichen Widerstands gegen die Stadtverlagerung muss der Ureinwohner, hier der Same, herhalten. Also wird der Verlust von Weideflächen und ursprünglicher Landschaft(sic!) durch die „Industriekultur der Moderne“ beschworen.

Römisch Zwei:

Für Dresden schreibt Frau Mennicke-Schwarz im Einführungstext, dessen ursprüngliche Onleinversion, aus der ich hier zitiere, nach verschiedenen Redigierungen später komplett gegen den jetzt dort zu lesenden Text ausgetauscht wurde: „Die Geschichte von Landschaften, als Ergebnis gesellschaftlicher und kultureller Transformationsprozesse der Moderne zwischen regionalen und globalen Interessen, wird auch in Dresden aktiviert: So entstehen zum einen künstlerische Arbeiten und Projekte, die basierend auf Recherche und konkreter Arbeit vor Ort ein neues Verständnis aktueller Kulturlandschaften in der Region herstellen – zwischen historischem Uranabbau und Tagebau in der DDR wie auch aktuellen ‚Renaturierungen’ und ‚Rekultivierungen’.“
Damit ist der theoretische Bogen von Nordschweden in die Lausitz geschlagen. Dort die Schönheit der ursprünglichen Landschaft. Hier die ursprüngliche Schönheit der seit 7000 Jahren durch Menschen geformten Kulturlandschaft. Dort wie hier die „transformatorische Zerstörung durch Verwertung“ der Landschaft. Dort die nomadisch als Rentierzüchter lebenden Ureinwohner, die Sami. Hier die sesshaften, bäuerlichen Ureinwohner, die Sorben. Demokratie und Partizipation ist zwar dort wie hier gegeben. Aber dort der Konsens zwischen Bewohnern und Minengesellschaft, hier der Dissens bzgl. der Dorfabbaggerung.
Nicht nur hatten die Sorben nie unter einer jahrhundertelangen kolonialen und rassistischen Politik, wie sie die Schweden den Sami angedeihen ließen, zu leiden. Auch sonst hinkt der Vergleich zwischen beiden Volksgruppen. Er wurde jedoch nonchalant unter den Tisch fallen gelassen. Denn das ganze war nur ein Vorwand. Der Rekurs auf unterdrückte Ureinwohner war verlogen. Eine einzige Nebelkerze. Es ging um Antikapitalismus. Die Ausstellung war eine offene Anklage gegen kapitalistischen Naturverbrauch und entfremdende Produktionsverhältnisse. Gespeist vom Geist des deutschen Idealismus zwischen Romantik und Lebensreform, wird über die Moderne lamentiert, die man, da hier negativ konnotiert, mit Kapitalismus gleichsetzt.

Konkret ging es gegen die Braunkohlenutzung in der Lausitz. Diese wird seit 25 Jahren vom schwedischen Konzern Vattenfall besorgt. Braunkohlenutzung ist seit Jahren d a s Wahlkampfthema der sächsischen Bündis90/Grünen. Wo die CDU den Grünen mit dem Atomausstieg den Schneid abgekauft hatte, versucht die SPD gleiches mit der Braunkohlennutzung. Erst unmittelbar nach Ausstellungsende waren die Lausitzer Proteste gegen die SPD-Pläne ein Medienthema, aber vor Ort ging es schon länger hin und her. Das KHDD jedenfalls lieferte mit dieser Ausstellung seinen Teil zur Volkserziehung im Sinne von Partei- und Staatsführung.

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Römisch Drei

Das KHDD als Propagandist rot/grüner Umweltpolitik hätte ich so nicht erwartet. Was mich entsetzte, war dieses Manipulative. Ich habe ausreichend Erfahrung mit dem Besuch von Kunstausstellungen und damit eventuell zusammenhängenden politischen Zielen. Aber etwas vergleichbares sah ich bisher äußerst selten.
Die ganze Machart der Ausstellung war durchtrieben. Man hatte von Anfang an das Gefühl, bei einem Marktschreier mit qualitativ besonders schlechter Ware zu sein. Der, wohlwissend um seinen Schund, solange irgendwas drauflegt und nachbuttert, bis die Tüte übervoll ist, die du dann nach Hause schleppen sollst. Es schrie: Bodenschätze ausbeuten ist schlecht! Kohle ist böse! Industrie ist schlecht! Diese Moderne ist schlecht! Die Menschen entfremden sich! Kapitalismus ist schlecht! Nur naturbelassene Ureinwohner sind gut! Kohle ist ganz böse! Es schrie via Kunst, die derart unkünstlerisch ist, dass es nicht schwerfallen dürfte, noch zwei weitere Ausstellungen mit denselben Exponaten zu bestreiten. Es müsste einfach nur der Kunsterklärzettel geändert werden.
Der Behauptismus wurde bekanntermaßen mit Beginn des 21.Jhd. als neuer –ismus in die Kunst eingeführt. Behauptismus ist Kunst, die etwas behauptet, ohne es zu zeigen. Und Kunst, die behauptet, Kunst zu sein. Und Kunst, die behauptet Kunst zu sein, weil sie etwas behauptet. Hier sah ich überall behauptistische Kunst.

Die Ausstellung in ihrer Augenwischerei war ein Mischmasch. Inkongruent, sprunghaft, zwanghaft versucht, die eigenen Prämissen zu beweisen. Neben den Werken aus Kiruna gab es offizielle DDR–Kunst zum Thema DDR–Tagebaue und es gab Kunst zu Tagebaufolgelandschaften auf dem ehemaligen Gebiet der DDR. Letztere Kunstwerke sind komplett nach 1990 entstanden. Dies in einer antikapitalistischen Ausstellung zu zeigen, zeugt von Idiotie. Aber da die Kuratoren sich an deutscher Romantik grün und rot besoffen hatten, war es denen egal. Außerdem hatten sie einen Parteiauftrag zu erfüllen.
Deshalb lief neben Gemälden von Gerda Lepke und Barbara Raetsch ein Dokumentarfilm über den großen Streik 1970 in Kiruna und es hingen klassenkämpferische Gemälde zum Streik gegenüber. Was hat das wohl mit der eingangs erwähnten Landschaft in der Moderne zu tun? Nichts. Aber es hat was mit Antikapitalismus zu tun.

Besonders unangenehm fand ich den Exotismus in der Thematisierung der Ureinwohner. Die Sami kamen nur als fischtrocknende Jurtenschnitzer vor und die Sorben nur als fest mit der Scholle verwurzelte Trachtenpuppen.
Ich stolperte über eine optisch ganz nette Arbeit zum menschlichen Eingriff in den Plauenschen Grund bei Dresden. Warum war die hier? Das hatte zwei einfache Gründe. Dieses Tal war seinerzeit eine Romantiker–Landschaft erster Güte und erst in der Zeit des Frühkapitalismus wurde es erschlossen. Außerdem brauchte die verantwortlich zeichnende Künstlerinnengruppe wieder einen Eintrag in ihr Ausstellungsverzeichnis.

Die meisten Exponate des »LAKOMA-Archiv der Lausitz« wurden im Kassenbereich zusammengedrängt und damit auf den ersten Blick vermeintlich verschwendet. Dies wurde extra so arrangiert, damit willige Leute nicht jedes mal Eintritt zahlen mussten, wollten sie sich die prominent platzierten, stundenlangen Videodokumentationen über die „Zerstörung der Lausitz“ und „böses Vattenfall“ ansehen. Dafür brauchte man neben jeder Menge Sitzfleisch echtes Durchhaltevermögen.

Römisch Vier

Was nicht vorkam, waren die positiven Ergebnisse dieser Landschaftstransformationen. Es wurde nicht eingegangen auf die Früchte dieser Arbeit wie warme Wohnungen; Wassergrundstücke an den renaturierten Tagebaurestlöchern; Häuser, gemacht aus den Steinen des Plauenschen Grunds; individueller Wohlstand durch Arbeit; staatlicher Wohlstand durch Steuern oder gar Volvos aus Schwedenstahl.
Das einzige, was man für ein Produkt der Eisenerzmine in Kiruna hätte nehmen können, war ein auf einem alten Foto abgebildetes, gekentertes Kanonenboot. Typisch! So sehen sie aus, die Ausstellungen der deutschen Intelligentzija, deren Geld aus der Steckdose kommt.
Apropos Steckdose: Windräder kamen selbstredend nicht vor. Aber diese spezielle transformatorische Zerstörung von Landschaft ist ja  etwas  Gutes.

Zum Schluss noch eine lustige Sache. Genaugenommen war sie insgesamt ein Witz, die behauptistische Arbeit von Grit Ruhland. Sie drehte sich um Uranabbau in der Gegend von Ronneburg. Im Begleitheft steht dazu: „Die massiven Eingriffe in die Beschaffenheit der Landschaft zeigen sich oft nur subtil, in einer bestimmten Vegetation, in einem verstärkten Ausschlag des Geigerzählers…“ Um die Subtilität des (sozialistischen) Eingriffs zu sehen bitte klicken, et voilà: Die Titten von Ronneburg 
In den letzten zwanzig Jahren hat dann die verfluchte kapitalistische Moderne diese Landschaft für eine neue ausbeuterische und entfremdende Nutzung vorbereitet, die sie beschönigend Renaturierung nennt. So sieht es heute da aus.

Man könnte das KHDD-typische Schludern für diese schlimme, parteipolitische Ausstellung verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, dass das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

Resistance is futile! Eine Warnung.

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„Oh du Voltaire, da du hangest. “

Die jüngsten, sehr speziellen Verlautbarungen des „Aninstitutes für Austellungstheorie und -praxis an der HfbK Dresden“, die es vor allem in seinem Njusletter verbreitet, brachten mich auf den Gedanken, euch, liebe Ratsuchende, auf etwas Wichtiges im Hinblick auf eure zukünftige Ausstellungstätigkeit hinzuweisen:

Die Meinungsfreiheit gilt einen Dreck bei der Mehrheit der deutschen Intelligenzija. Niemand will heute eine abweichende Meinung aushalten müssen. Scheinbar ist das viel zu anstrengend. Ob das an normaler Gehirnwäsche liegt, ob die Body Snatcher wieder auf dem Planeten Erde weilen oder ob wir auf dem Weg sind, eine Borg-Kolonie zu werden, habe ich noch nicht herausbekommen.

Das müsst Ihr in eurer Kunst lassen, wenn ihr heutzutage ausstellen wollt:
° Keine poltischen Aussagen, denen Niedecken, Campino und Co. nicht zustimmen würden!
° Keine Aussagen zu Religionen, die an deren Selbstbild und an dem Bild, das die Intelligenzija von ihnen hat, kratzen!
° Keine Reflexionen über Ausländer, Einwanderer und Durchreisende!
° Keine Provokationen!

Das müsst ihr mit eurer Kunst tun, wenn ihr heute austellen wollt:
° Sucht frühzeitig den Schulterschluss zu den „Anständigen“! Ihr findet sie bei ihren Aufständen.
° Plappert nach, was Parteien- und Staatsführung vorplappern!
° Hört mit dem selbständigen Denken auf! (Zugegeben, für Künstler eine sehr schwere Übung. Sie ist aber zu meistern.)
° Fügt euch den gesellschaftlichen Notwendigkeiten!

Reine „l’art pour l’art“ hilft leider auch nicht weiter, wie wir schon an Emil Nolde und Gerhard Altenbourg vorgeführt bekamen. Demnächst gibt es hier wieder Tipps für genehme Kunstwerke.

Sapere Aude!

Das homegrauen hat ein Ende! †††

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Hallejulia!
Es ist vollbracht!
Die »ostrale 2012« ist seit heute abend Geschichte. Wir haben erst nächsten Spätsommer wieder die Gelegenheit, diese Leistungsschau der Pseudokunst nicht zu besuchen.

Aber das ist kein Beinbruch! Es gibt ja DIESES BLOG !!!

Ich werde Dich weiterhin mit Bastelanleitungen für Kunstwerke versorgen.
Da ich mir das alles selbst ausdenke, kann es nicht jeden Tag etwas Neues geben. Aber wöchentlich könnte klappen. So schwer ist das ja heutzutage nicht, irgendwelchen Quatsch als Kunst auszustellen.

Wenn Du es mit Hilfe einer meiner Bastelanleitungen in eine Galerie schaffst. dann gib mir Bescheid. Ich komm zur Eröffnung vorbei und schreib was Schmeichelhaftes ins Gästebuch. Versprochen!

Distanzierung

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Ich distanziere mich!
Von allem!