Sommergeplauder 5: Das Kunsthaus Dresden langweilt sich und andere. ODER Eine Warnung vor Ruhm.

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Die Kunsthaussaison 2015/16 ist beendet und ich genieße bei 30°C im Schatten in meiner Klotzscher Hängematte ein alkoholfreies Weizenbier. Dabei lasse ich die vergangene Saison im Kunsthaus Dresden Revue passieren. Wobei es diesmal nicht so viel zu erzählen gibt, gemessen an der vorhergegangenen Saison. Sparflamme in allen Bereichen war angesagt.

Vom 1. November 2015 bis in den März 2016 gab es die Ausstellung

Ortstermin mit Leoni Wirth

Modelle und Entwürfe aus dem Atelier von Leoni Wirth und zeitgenössische Positionen zu Abstraktion und Moderne

Leoni Wirth und Rimma Arslanov, Susan Hefuna, Margret Hoppe, Ali Kaaf, Su-Ran Sichling, Mona Vatamu / Florin Tudor Kuratiert von Torsten Birne und Christiane Mennicke-Schwarz

 

Es war eine Austellung, deren Armseligkeit sachliche Reduziertheit traurig und ein Stück weit betroffen machte. Nichts gegen Kunst am Bau und nichts gegen Leonie Wirth, aber solch Ausstellung wäre vielleicht dem Heimatmuseum in Dippoldiswalde angemessen, wäre Frau Wirth eine Tochter jener Stadt gewesen. Mir sind die Gründe für die Entscheidung, eine Künstlerin, die doch recht wenig und das, abgesehen von ihrem Hauptwerk, recht durchschnittlich gemacht hat, fünf volle Monate im Kunsthaus Dresden zu präsentieren, unbekannt. Es wurde durch den Ausstellungsbesuch auch nicht klarer und blieb letztlich unverständlich. Am Geldmangel konnte es doch nicht liegen angesichts der Tatsache, dass ein Architektenbüro für die Ausstellungseinrichtung inklusive extra angefertigter Vitrinen sorgte.

Frau Wirth hinterließ einfach kein Övre, welches mengenmäßig groß genug ist, um den Ausstellungsort zu bespielen. Um das Haus zu füllen, gab es deshalb noch andere Kunst anderer Künstler zu sehen. Das war aber keine Kunst–am–Bau bezogene Kunst, sondern irgendwelche Beliebigkeit. Die Werke hatte ich alle schon wieder vergessen, als ich zwei Stunden später zu Hause war und meine ersten Eindrücke niederschreiben wollte. Seltsam. Soetwas passiert mir selten. Hier die Fotogalerie des Kunsthaus. »KLICK« (Der letzte Absatz des Begleittext auf der Homepage lässt die Klasse der Verfasserin in Bezug auf  Kuratorengeschwurbel aufblitzen.)

 

Leonie Wirths machte Kunst am Bau und schuf einige Brunnen in der Stadt. Ihr Opus Magnum war der Pusteblumenbrunnen auf der Prager Straße. Dieser wurde im Zuge der Neugestaltung abgerissen und in veränderter Form im Stadtteil Prohlis wieder aufgebaut. Auch auf der Prager Straße gibt es einen Wassersprüher, der sich der Pusteblumenform bedient, aber das ist nicht dasselbe. Der alte Pusteblumenbrunnen war ein tolles Wasserspiel. Der hatte Ausstrahlung. Was heute an dieser Stelle steht, ist ein Witz dagegen.

Ein beeindruckendes Ensemble  ©Deutsche Fotothek‎, Fotothek df ps 0002955 Brunnen, CC BY-SA 3.0 DE

Ein beeindruckendes Ensemble
©Deutsche Fotothek‎, Fotothek df ps 0002955 Brunnen, CC BY-SA 3.0 DE

Leoni Wirths Alterswerk bestand aus höchstem Einsatz für den Tierschutz bei Nutztieren. Sie verhinderte in den 90ern im Alleingang die artgerechte Haltung von Galloway-Rindern bei den Bauern in der Umgebung von Rochwitz. Rochwitz ist ein nach Dresden eingemeindetes Dorf im Schönfelder Hochland, wo das Haus von Leonie Wirth steht. »KLICK«

Sie nutze ihren täglichen Spaziergang zur Patrouille entlang der Weiden. Und sobald etwas ihr Missfallen erregte, stellte sie sofort Anzeige wegen Tierquälerei bei Polizei und Amtstierarzt. Die technische Entwicklung in Form von Mobiltelefonen kam ihr dabei entgegen. Sie hatte sich auf einen Bauern eingeschossen, der seine winterharten Rinder im Schnee auf der Weide ließ. Ihre Anzeigeritis nahm solche Ausmaße an, dass nicht nur der Bauer, der Amtstierarzt und die Polizei entnervt aufgaben, sondern die lokale Presse mehrere Artikel über Frau Wirth schrieb. Künstlerisch tätig war sie nur noch bei der Anfertigung großer Pappmascheèköpfe von Landespolitikern, die sie dann mit ihren Freundinnen auf den gemeinsamen Tierschutzdemos mitführte. Diese Pappmascheèarbeiten fehlten leider in der Austellung. Wie auch ihr Einsatz für den Tierschutz nirgends erwähnt wurde. Schade und unverständlich. Das hätte den Menschen Leonie Wirth viel vollständiger erscheinen lassen. Verschwiegen ausgerechnet im Kunsthaus Dresden, welches sich sonst nie scheut, in seinen Ausstellungen die „richtige“ Ideologie unter die Leute zu bringen.  Jedenfalls solltet ihr, liebe Ratsuchende, euch genau überlegen, ob ihr berühmt werden möchtet, wenn die Möglichkeit besteht,  postum mit solchen Ausstellungen geehrt zu werden.  Diese Präsentation war eher eine Warnung vor Ruhm.

Man könnte jetzt sagen, dass es besser ist, an Ausstellungen, die von Christiane Mennicke-Schwarz und Torsten Birne kuratiert worden sind, niedrige Ansprüche zu knüpfen, um nicht enttäuscht zu werden. Aber wir dürfen nicht vergessen, was das Kunsthaus Dresden in Wahrheit ist. Es ist das »An-Institut für Ausstellungstheorie und –praxis der HfbK Dresden«. Und das war eine Versuchsanordnung, stimmts?

 

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Ostrale 2015 – kuratierte Kunstmesse

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Liebe Ratsuchende,

Kurz vor Eröffnung der Ostrale 2016 am 1. Juli möchte ich noch die schon lange versprochene Rezension der Ostrale 2015 abliefern. Aus verschiedenen Gründen ist es nur eine Kurzrezension. Ich bitte um Nachsicht.

Diese Ostrale war eine erwachsene Ausstellung. Totalausfälle waren nicht zu verzeichnen. Sperrmüllsien, die sich unter dem Deckmantel des erweiterten Skulpturenbegriffs als Kunstwerke tarnten, waren diesmal ebenso abwesend wie unausgegorene Ideen, die auch noch handwerklich schlecht umgesetzt wurden. Kein Vergleich mit Ostralen früherer Jahre.

Ich hatte in meinem Vorbericht noch bedauert, dass in der Ankündigung die üblichen Übertreibungen fehlten. Das war eine Fehleinschätzung. Ich hatte an der falschen Stelle gesucht. Die Publikumsveräppelung bestand diesmal in der Ankündigung, als Sprungbrett für junge, nicht etablierte Künstler wirken zu wollen. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, alle teilnehmenden Künstler auf Jugend und Etabliertheit abzuklopfen, aber die, die ich schon kannte, waren weder jung noch nichtetabliert. Das mit dem Sprungbrett mag zutreffen. Zum ersten Mal sind mir viele rote Punkte aufgefallen. Ihr kennt ja diese „Verkauft“-Punkte, wie sie in Galerien an das Schildchen geklebt werden. Nun also auch bei der Ostrale. Warum nicht. Die Jury bestand aus fünf Personen, von denen drei Galeristen waren. Vielleicht lag es ja an ihnen, dass die Ostrale so einen aufgeräumten Eindruck machte. Sie war richtiggehend zugänglich. Eine Jury-Mitgliederin war die Dresdner Galeristin Nütt. Prompt wehte ein leichter Geruch von »Dresdner Kunstszene®« durch einen Ausstellungsraum. Auch war die selbsternannte »Dresdner Kreativwirtschaft®« angetreten, um der Ostrale unter die Arme zu greifen. Es gab zwei Ausgaben eines Kundenmagazins. Diese kostenlose Hochglanzzeitschrift a lá „Dein Bahnhof mobil“ war nett und fluffig, aber leider ohne Nährwert. Das Austellungsverzeichnis war völlig unbrauchbar.

rote punkte

Rote Punkte meint erfolgreiche Künstler dank rühriger Galleristen

Den Vergleich zwischen Ostrale und Kunsthaus bezüglich der Ausstellung von afrikanischer Kunst entschied die Ostrale für sich. Es wurde eine breite Auswahl von afrikanischen Künstlern gezeigt, die meinen Horizont erweiterten.

Dr. Bomboka

Afrikanische Zauberer haben Mobiltelefone fürs Geschäft

 

Zu Recht ausgezeichnet wurde ein 3D-Bild-Projektor-Dings eines polnischen Künstlers, welches Bilder aus Rauch fabrizierte. Ich hätte gern mehr dazu gewusst, aber das Teil war permanent dicht umlagert. Eine faszinierende Sache. Mir gefielen die Arbeiten polnischer Künstler generell gut.

Politische Kunst war auch wieder dabei.Die Werke eines geflüchteten Nordkoreaners waren drastisch direkt. Die einzige Reminiszenz an die Qualität früherer Ostralen war das Werk eines Modelleisenbahners. Es war ein dezidiert politisches Werk. Aber in seiner Reflexionsuntiefe und seinen tagespolitischen Bezügen war es schon im Juli 2015 überholt.

Diese Ostrale war nach meinem Geschmack. Ich habe mich sehr wohl gefühlt mit den ausgestellten Kunstwerken. Ich denke, das lag an der Qualität und nicht an einer eventuell beginnenden Altersmilde meinerseits. Ich werde früher oder später noch einige Ratschläge in separaten Beiträgen geben. Kommenden Freitag öffnet schon die Ostrale 2016. Es gibt viel zu tun. Auf denn!

PS: Hier noch drei lustige Bilder:

fliegendes Nashorn

lustiges Leuchtdia 1

fliegender Löwe

lustiges Leuchtdia 3

fliegende Giraffe

lustiges Leuchtdia 2

Sommergeplauder 4: Das Kunsthaus Dresden dreht das große Rad oder Fördermittel beflügeln!

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Hochsommer, mein Tiekholzdecktschär und ein richtig schön kalter Eistee bringen mich in Plauderlaune. Heute plaudere ich ein wenig über die letzte Ausstellung der Saison im Kunsthaus Dresden Sie begann am 20.6.2015 und endet am 20.9.2015.  Sie heißt:

Künstliche Tatsachen:Boundary Objects

 

Diese Ausstellung war der letzte Teil eines dreiteiligen Projekts, welches durch den Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes, durch das Goethe–Institut und durch das IFA bezahlt wurden. In der Projektbeschreibung las sich das so: „Mit Künstliche Tatsachen initiiert das Kunsthaus Dresden. Städtische Galerie für Gegenwartskunst zusammen mit Künstler/innen, Ethnolog/innen, Historiker/innen und Kurator/innen aus Südafrika, Benin und Deutschland ein internationales Recherche-, Kunst- und Ausstellungsprojekt. Im Zentrum des Projektes stehen Objekte aus europäischen und afrikanischen Sammlungen, deren historische Entstehung unmittelbar mit kolonialen Geographien und Ethnographien verbunden ist. Dabei interessieren sowohl der damalige wie heutige Status – etwa als Trophäe oder als Beweisstücke einer entstehenden wissenschaftlichen Disziplin – und die Biographien solcher Objekte, an denen die Zurichtungen, Nachbearbeitungen und Eingriffe am Gegenstand selbst deutlich werden, als auch die gegenwärtigen Konventionen und zukünftigen Möglichkeiten ihrer Zurschaustellung in Museen und anderen Ausstellungskontexten. Die Aktivierungen an drei Stationen – Cape Town, Porto-Novo und Dresden – verstehen sich als eine Plattform, um gemeinsam mit Partner/innen und Expert/innen aus afrikanischen Ländern neuartige künstlerische Handlungsformen und kulturelle Umgangsweisen zu erproben. Ziel ist es, in einem experimentellen Veranstaltungsformat jeweils einen unbefriedeten Sammlungsgegenstand exemplarisch zu aktivieren’ und davon ausgehend Formen des Umgangs zu skizzieren, die über eine wesentliche Kolonialität der Kultur (Derrida) hinausweisen könnten.“

Das klingt doch erstmal gut, oder? Zum unverzichtbaren Handwerkszeug von Kuratoren, hier eine Frau Goltz, gehört das Postulieren von Prämissen und die anschließende Untermauerung dieser mit irgendwelchen Zitaten von irgendwelchen Großdenkern. Würde ich mich nicht so höllisch vor der Derridaschen Desintegration fürchten, würde ich mal nachschauen, was der Jaques mit der „wesentlichen Kolonialität der Kultur“ gemeint haben könnte. Vielleicht erklärt es mir ein Mutiger(*)in unter euch. Ich hab da allerdings so meine Befürchtungen bezüglich Signalwörtern und so.
Die dritte und abschließende Station Dresden jedenfalls bekam eine Ausstellung im KHDD und verschiedene Vorträge der beteiligten Künstlerixinnen in den Räumen der HfBK. Einer der Hauptgründe für das Projekt scheint mir gewesen zu sein, Künstler_Ininnen auf Projektmittel die Welt bereisen zu lassen. Da habe ich nichts dagegen.

Der Anspruch war: „Mit zum Teil eigens für die Ausstellung entstandenen Werken fordern internationale Künstler/innen den eingeübten Museumsblick der visuellen Kolonisierung heraus. In ihren Arbeiten untersuchen die Künstler/innen Blickregime und hinterfragen die Geste des Zeigens und Repräsentierens und letztlich der Konstruktion des ‚Anderen’ im Museum. Dabei interessieren sie sich für den zukünftigen Status der Objekte, die einstmals als kulturgeschichtliche Belegobjekte, Souvenirs und Trophäen gesammelt wurden und heute zunehmend einer globalisierten World Art zugeschrieben werden. Auf die Rahmung durch Vitrinen folgen nun Spotlight und Podest.“

Dieser Anspruch wurde nicht eingelöst. Eher war Ratlosigkeit das vorherrschende Gefühl beim Ausstellungsbesuch. Das ist kein Wunder. Wenn man als Außenstehender nur die Abschlussveranstaltung eines Projektes besucht, dass im vergangenen September begann, dann bleibt Fremdeln nicht aus. Es blieb mir bis heute unbekannt, was in Südafrika und Benin im Rahmen dieser „Aktivierungen“ alles vor sich ging. Die Ausstellung in Dresden war abweisend und seltsam hermetisch. Es war offensichtlich von vornherein nicht vorgesehen, dem uneingeweihten, aber interessierten Publikum von der Straße wie mir, eine zufriedenstellende Ausstellung zu geben.

Dabei hätte es interessant werden können. Diskussionen um den Umgang mit völkerkundlichen Hinterlassenschaften sind in Dresden seit den 1990ern nichts unbekanntes. Mal ging es um das Verhältnis heutiger indigener Mittelamerikaner zum Dresdner Maya-Kodex, mal um Federschmuck der nordamerikanischen Prärieindianer. Besonders hohe Wellen schlug die Rückforderung echter Skalpe durch american natives aus dem Karl-May-Museum im letzten Jahr. Das Thema ist in Dresden also durchaus präsent.

Wie war die Ausstellung? Es gab wieder die übliche Melange aus wenigen guten Sachen und viel Behauptismus. Sehr gut gefielen mir die Arbeiten von Dierk Schmidt und das Video von Penny Siopis. Da die Ausstellung ohnehin nicht wirklich für die Öffentlichkeit konzipiert war, frage ich auch nicht wirklich, was Paolo Nazareths Auseinandersetzung mit der Bevölkerung Brasiliens in einem Projekt über afrikanische Hinterlassenschaften in europäischen Museen zu suchen hat. Ich nehme an, er ist ein sehr charmanter Mann. Oder ich frage nicht, was ein Perfomänzabend mit kubanischem Voodoo sollte? Den hab ich aus Angst um mein Seelenheil lieber nicht besucht. Ich frage auch nicht, warum Karl Waldmann ausgestellt wurde? Die Geschichte hinter Karl Waldmann ist mit der Karl Ranseiers vergleichbar und entsprechend lustig. Aber nur weil auf Waldmanns konstruktivistischen Collagen Fotos afrikanischer Artefakte verwendet wurden, hängt er in dieser Ausstellung? Na, ich weiß nicht. Auch die Arbeiten des Burning Museum aus Kapstadt gingen am Thema vorbei. Es waren auf Riesig ausgedruckte, schwarzweiße JPEGs von irgendwas total Irgendwasigem. Nach dem Lesen des Kunsterklärzettels ist man nicht viel schlauer. Es ist halt blöd, wenn Wissen zum Kunstverständnis fehlt und auch nicht nachgeliefert wird. So wie hier das Wissen um das südafrikanische Wirken der Herrnhuter Brüderunität. Die Bilder erklärten auch nichts. Behauptistische Kunst, die die Kurve nicht kriegt.

Nun gut, ich bin kein Teil des Projekts, deshalb kann ich das vielleicht nicht beurteilen. Mit Lisl Ponger war auch ein inzwischen großer Name vertreten. Nur, was hat ihr Werk mit Afrika zu tun? Es dreht sich bei diesem C-Print um Nordamerika und die dortige indigene Bevölkerung. Vielleicht deshalb war noch extra ein Podest neben dem Bild aufgestellt. Es wurde suggeriert, dieses würde zum Werk Lisl Pongers gehören. Auf diesem Podest stand neben schwarz-rot-goldenem (!) Tinneff ein aufgeschlagenes Buch mit einem Foto, das Samoanerinnen bei einem Begrüßungstanz für den deutschen Konsul 1936 zeigen. Preisfrage: Zu welchem Kontinent zählt Samoa? Bonusfrage: Bis wann hatte Deutschland dort eine Kolonie? Die Antwort ist egal. Wenn es um die Nazizeit geht, ist auch das KHDD kaum zu bremsen. Deshalb bekam diese Zeit weit überproportional viel Raum. Und das meine ich wortwörtlich.

Reiterdeutsued

Dieses Buch ist nicht hilfreich!

Als Hobbyhistoriker freute es mich, ausführlicher mit der weithin vergessenen Deutschen Kolonialausstellung im Dresden des Jahres 1939 konfrontiert worden zu sein. Es hieß dazu im Begleittext: „Die Installation „VON EINGEBORENEN BESCHÄDIGT “ reinszeniert den kolonialen Blick der Dresdner Kolonialausstellung von 1939 und fragt nach der Herstellung einer exotischen und kolonialen Kulisse.“ Entweder erfuhr der Begriff der Reinszenierung in letzter Zeit einen grundlegenden Bedeutungswandel oder es ist die KHDD-typische Kuratorenlyrik. Zu sehen gab es Faksimiles von Zeitungsseiten, Ausstellungsplakaten und des damaligen Katalogs. Das ganze war an Sisalbespannung gepinnt, bekrönt von Geweihen afrikanischer Wildtiere. Richtig ist, dass es in der Ausstellung seinerzeit ebenfalls einige Ausstellungswände gab, die mit Sisalgewebe bespannt unter Antilopengeweihen standen. Die Instalation hier und heute gleich eine Reinszenierung zu nennen, ist allerdings Aufschneiderei. Die am Sisal angepinnten Pappen mit den Faksimiles waren bunt durcheinandergewürfelt mit Schautafeln, die die Geschichte des deutschen Reiterdenkmals in Windhuk erzählen. Dies deswegen, weil das Symbol der Kolonialausstellung jenes Denkmal aus ehemals Deutsch-Südwest gewesen wäre. Das ist leider falsch. Einzig die Deutsche Reichspost benutzte das Reiterdenkmal für ihren Sonderstempel. Aber diese ins Auge springende Tatsache hat die Kuratorin und die Künstlerin Emma Wolukau-Wanambwa nicht bekümmert. Nur durch diese Geschichtsklitterung haben sie überhaupt erst eine Installation hinbekommen, die wunschgemäß beides verknüpft, deutsche Kolonien und Nazis. Sehr schön waren die im Raum verteilten jungen Sisalpflanzen aus Plastik. Zusammen mit den Sisalsäcken an der Wand und den Antilopenhörnern waren sie voll die Reinszenierung zur Herstellung einer exotischen und kolonialen Kulisse. (Vielleicht sollte ich dies mal beim nächsten Besuch in einem afrikanischen Spezialitätenrestaurantmal anbringen?) Und weil das noch nicht reichte, gab es noch eine große Vitrine mit Nazi-Propagandabroschüren zum Thema Kolonien zu bestaunen. Ganz interessant, wenn auch nicht zu den Projektprämissen passend. Aber die Botschaft ist so klar wie kurz: Deutsche Kolonien sind voll Nazi! Ich bedaure die armen Schulkinder, die in ihrer Projektwoche so etwas über sich ergehen lassen mussten.

Mir fehlten als Autseider eindeutig das interne Wissen, sonst hätte ich vielleicht etwas mit dieser Ausstellung anzufangen gewusst. So muss ich annehmen, die Kuratorin hätte hier bewusst irgendeine bunte Mischung Ausstellungsstücke nach der Methode der Google-Bildersuche zusammengesammelt und in das Haus geschüttet, nur um bei der Abrechnung der Fördermittel schicke Fotos von schick hergerichteten Ausstellungsräumen vorweisen zu können. Zum Glück ist Freitags der Eintritt frei!

Man könnte jetzt das KHDD-typische Schludern für diese Ausstellung verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, dass das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

cairopostnefertiti

Nicht immer bekommt man, was man erwartet!

So, das war es erstmal mit dem Kunsthaus Dresden. Vielleicht sollte ich es ab nächster Saison für meine Praxistipps berücksichtigen. Bis jetzt sind noch keine Ausstellungspläne für die Saison 2015/2016 durchgesickert. Sehr viel schlimmer als die vergangene Saison kann es eigentlich nicht werden. Ich bin gedämpft optimistisch und bleibe drann!

Sommergeplauder 3: Das Kunsthaus Dresden unter falscher Flagge oder Marketing will gelernt sein!

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Hochsommer, meine Hängematte und so richtig schön kalter Eistee bringen mich in Plauderlaune.

Heute plaudere ich ein wenig über die zweite Ausstellung der Saison im Kunsthaus Dresden. Sie lief vom 1.4.2015 bis zum 31.5.2015 und hieß:

Seiichi Furuya – Was wir sehen.

Dresden 1984 – 85 

Angepriesen wurde die Ausstellung mit einem Einführungstext voller Kuratorenlyrik. Es „ermöglichen die in Dresden 1984 und 1985 entstandenen Aufnahmen Furuyas einen einzigartigen Blick in die Geschlossene Gesellschaft der sozialistischen Republik. Ausgebildet als Architekt und Fotograf zog Seiichi Furuya zunächst nach Österreich und nahm zur Absicherung des Lebensunterhalts eine Tätigkeit als Übersetzer für eine japanische Baufirma an. Diese führte das junge Paar und ihren dreijährigen Sohn 1984/85 in die damalige DDR – nach Dresden.“

Die Fotos waren gut, keine Frage. Aber es war eine Ausstellung mit Material des 2010 abgeschlossenen Memories-Projekts des Künstlers, in dem er sich retrospektiv mit dem Zusammenleben mit seiner schwer depressiven Frau auseinandersetzt. Dieses Leben fand ab 1984 in der DDR statt, bis sich seine Frau 1987 in Ostberlin selbst tötete. Deshalb kamen Fotos von Dresden in dem Projekt vor. Was hier gezeigt wurde, war definitiv keine Ausstellung von Dresden-Fotografien. Der Blick des Fremden von außen auf diese Stadt, gar mit der Stadt als Hauptmotiv, fand in dieser Ausstellung nicht statt. Wo „Furuyas Werk auch ein integriertes Verständnis der biografischen und zeitgeschichtlichen Ereignisse im Zusammenhang mit dem politischen Systemwechsel in Staaten Mittel- und Osteuropas.“ reflektiert, bleibt das Geheimnis von Christiane Mennicke-Schwarz.

Es gibt ein Foto, welches einen Elbdampfer zeigt, der mit der Nordkoreanischen Flagge geflaggt war, weil Honecker und sein Diktatorenkollege Kim an dem Tag in der Stadt zum Dampfer fahren waren. Auch gibt es zwei Fotos, auf denen Sowjetsoldaten zu sehen sind. Daraus macht Frau Dr. Kunsthauschef_In: „Die Fotografien des in Japan geborenen Furuya beleuchten das Verhältnis zwischen individueller und politischer Geschichte.“ Sie „ergänzen das bisher vorliegende Bildmaterial zu Dresden in den achtziger Jahren.“ Äh, nein. Eigentlich nicht. Und wenn doch, dann nur marginal und eher zufällig. Keine neuen Motive, keine neuen Perspektiven, keine neuen Erkenntnisse.

fotokhböhle

Wo bitte geht es zum Kunsthaus?

Selbst die kunstvoll in postmodernem Deutsch gedengelte Sentenz: „In den durch die sozialistische Architektur und den typischen Kleidungsstil dieser Zeit geprägten urbanen Motiven Dresdens, der Prager Straße, dem Dresdner Zoo oder auf dem Rummelplatz durchdringen sich die politischen und privaten Räume und Umstände dieser Zeit.“ ist eine Nullaussage. So schrieben Anfang der 1990er Leute über den Osten, die sich das Geschehen hinter dem gefallenen Eisernen Vorhang vom Standpunkt der westgerman supremacy selbst erklärten. Wer dies von einer promovierten Kunsthistorikerin, die schon seit 12 Jahren hier lebt und genausolange ausgerechnet im KHDD arbeitet, liest, und dann unwillürlich an den flachen Springbrunnen auf dem benachbarten Palaisplatz denkt, braucht sich nicht zu schämen.

Zumindest die sprachlichen Fähigeiten von Frau Mennicke-Schwarz möchte ich als Glücksfall bezeichnen. Der Unterhaltungswert ist enorm und anspornend. Die Besucher des Kunstverein Heidelberg, wo diese Ausstellung vorher, und die Besucher der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig, wo diese Ausstellung hinterher gezeigt wurde, mussten auf solche außergewöhnliche Kuratorenlyrik verzichten.

Leider ist der große Videobericht zur Ausstellungseröffnung von meinem Leib- und Magensender »Dresden Fernsehen«/»Kanal8« nicht im Internet zu finden. Er ist sehenswert. Darin kam der Künster zu Wort und Frau Kunsthauschef_In redete in die Kamera. Es war schlicht großartig, wie sie toternst und mit innerer Überzeugung den Wert der Kunstwerke und die Notwendigkeit der Ausstellung damit erklärte, dass es von und aus Dresden aus jener Zeit (1985) keine künstlerischen F a r b fotografien gibt. LOL, ROFL, Facepalm – alles gleichzeitig! Es ist mutig, so offen und öffentlich zuzugeben, dass frau von der Fotografieszene in jener Zeit in dieser Stadt nicht einen blassen Schimmer hat. Warum auch!? Zuviel Wissen verwirrt nur! Falls jemand von Euch diesen Beitrag irgendwo im Netz findet, bitte ich um den Link.

cover Dresden in Farbe

Lt. Kunstwissenschaftlerin Frau Dr. Mennicke-Schwarz inexistentes Buch von Karl-Heinz Böhle aus dem Jahr 1984.

Die zeitgleich in den Technischen Sammlungen Dresden ausgestellten Fotos von Seiichi Furuya waren amüsanterweise das künstlerischere Set der beiden Ausstellungen.

Dann gab es noch im KHDD zeitgleich eine Zweitausstellung. Darin wurde das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz als ein zentrales Thema der fotografischen Arbeiten von Lysann Buschbeck beleuchtet. Ihre Fotos fielen künstlerisch ab gegen Herrn Furuyas. Vermutlich wurden sie ausgestellt, weil ihr Projekt „Einer fehlt immer“ heißt. Das passt so gut zur toten Frau des Hauptkünstlers.

Bleibt festzuhalten, daß eine vernünftige Doppelausstellung eines renommierten Fotografen wie der Elbdampfer mit Kim unter falscher Flagge fuhr. Man könnte jetzt das KHDD-typische Schludern für die Diskrepanz verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, daß das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

Das sagt der Fotograf selber zu dieser Zeit: https://www.youtube.com/watch?v=evFk_pzfwE0

Und noch ein Video (leider nicht das gewünschte) von der Eröffnung: https://youtu.be/_na_SyC4yzQ

 

Sommergeplauder 2: Das Kunsthaus Dresden im Rausch der Romantik oder Anticapitalismo rulz!

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Hochsommer, meine Holliwudd-Schaukel und ein Glas Eistee bringen mich in Plauderlaune. Heute möchte ich ein wenig über die erste Ausstellung der Saison im »An-Institut für Ausstellungstheorie und –praxis der HfBK Dresden«, auch als »Kunsthaus Dresden« bekannt, plaudern. Sie lief vom 21.11.14 bis zum 15.3.15 und hieß:

Kirunatopia
Im Schatten der Zukunft / Kunst zu Landschaft und Ressourcen im 21. Jahrhundert

Während meines Besuchs hatte ich ein seltenes Erlebnis. Je länger ich blieb, desto mehr stieg mein Blutdruck. Am Ende war ich so wütend, hilflos und verärgert, dass ich am liebsten mit meinem Selfiestick dazwischen geschlagen hätte. Nur konnte ich mir nicht erklären, was mit mir passiert war. Erst viel später traf mich die Erkenntnis wie eine kalte Dusche: Ich sollte manipuliert werden. Und zwar auf das Bösartigste. Aber von Anfang an:

Römisch Eins

Es gibt in Nordschweden die weltgrößte Eisenerzmine. Diese Mine hat für ihre Bergarbeiter eine Siedlung, inzwischen stadtgroß. Diese Stadt heißt Kiruna. Nun ergab es sich zur Jahrtausendwende, dass diese Bergarbeitersiedlung um einige Kilometer verschoben werden muss, um die Sicherheit der Bewohner vor Bergschäden und die weitere Ausbeutung der Erzmine zu gewährleisten. Bezahlt wird das von der Minengesellschaft und es gibt darüber Konsens mit den Bewohnern.
Diesen Umzug nahm das Goethe–Institut Schweden zum Anlass, 2007 ein Kunstprojekt in dieser Stadt zu starten, deren Ergebnisse 2012 daselbst ausgestellt wurden.
Der Chef vom Goethe-Institut Schweden, Rainer Hauswirth, schreibt dazu im Einführungstext: „Die Ausstellung Kirunatopia (2012), initiiert vom Goethe-Institut Schweden, in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt Kiruna, widmet sich den Fragen zu der Geschichte der Rohstoffgewinnung, industrieller Transformation und Landschaft als Konzept der Moderne.“
Landschaft als Konzept der Moderne? Der Beginn der Moderne wird verschieden terminiert. Während das für die meisten Leute die Gründerzeit ist, gilt für die Philosophie die Aufklärung als Beginn der Moderne. Für die Soziologie wiederum wird gern die franz. Revolution 1789 als Markierung genommen. Dass die vormoderne Menschheit im Umkehrschluss kein oder ein anderes Konzept von Landschaft hatte, ist eine typische Kuratorenschwurbelei. Immerhin wird so eine Prämisse gesetzt. Zur Untermauerung dieser braucht es jetzt noch das Zitat einer Geistesgröße. Hauswirth zitiert Georg Simmel. der seinen Schaffenshöhepunkt um 1910 herum hatte:„Die Natur, die in ihrem tiefen Sein und Sinn nichts von Individualität weiß, wird durch den teilenden und das Geteilte zu Sondereinheiten bildenden Blick des Menschen zu der jeweiligen Individualität »Landschaft« umgebaut.“ Nochmal in heutigem Normaldeutsch: Die Natur liegt gemütlich da draußen rum und dann kommt der moderne Mensch und zerschneidet sie ungefragt einfach so in einzelne Landschaften.

Georg Simmel ist heute hauptsächlich als Begründer der Soziologie bekannt. Weniger bekannt, aber für diese Ausstellung viel wichtiger ist, dass er ein angesehener Vertreter der Lebensphilosophie war. Diese ist eine idealistische Philosophie. Sie lehnt Utilitarismus, Rationalismus oder gar ein materialistisches Weltbild ab. Sie arbeitet gern mit dem Intuitiven, dem Mystischen und Numinosen. Da passt beseelte Natur ganz gut dazu. Übrigens veröffentlichte Georg Simmel 1900 eine Philosophie des Geldes, in der er gegen die Vergötterung des Geldes, gegen Bankenmacht und Gewinnstreben anschrieb. Falls ihr jetzt vermutet, dass das etwas mit der Lebensreformbewegung zu tun haben könnte, dann vermutet ihr völlig richtig. Wir sind hier mittendrin in diesem Geisteskosmos.
Herr Hauswirth schreibt weiter in dem Einführungstext: „Dabei ist das Konzept einer ‘Landschaft’ wie Simmel es beschreibt, bereits selbst ein Nebenprodukt eben jener industriellen Moderne, eines Denkens der Neuzeit, das spätestens mit der Romantik auch die Naturwahrnehmung zerteilt und in funktionale Bereiche zerlegt, denen einerseits die Herstellung von Emotionen und andererseits die materiellen Ressourcengewinnung zugeteilt wird.“ Da haben wir sie, die deutsche Romantik. Wiedermal darf sie als die Gute gegen die Schlechte, die Moderne, in den Ring steigen. So fügt sich eins zum anderen. Damit es aber so richtig voll total romantisch wird, kommt jetzt noch der Edle Wilde ins Spiel. Mangels wirklichen Widerstands gegen die Stadtverlagerung muss der Ureinwohner, hier der Same, herhalten. Also wird der Verlust von Weideflächen und ursprünglicher Landschaft(sic!) durch die „Industriekultur der Moderne“ beschworen.

Römisch Zwei:

Für Dresden schreibt Frau Mennicke-Schwarz im Einführungstext, dessen ursprüngliche Onleinversion, aus der ich hier zitiere, nach verschiedenen Redigierungen später komplett gegen den jetzt dort zu lesenden Text ausgetauscht wurde: „Die Geschichte von Landschaften, als Ergebnis gesellschaftlicher und kultureller Transformationsprozesse der Moderne zwischen regionalen und globalen Interessen, wird auch in Dresden aktiviert: So entstehen zum einen künstlerische Arbeiten und Projekte, die basierend auf Recherche und konkreter Arbeit vor Ort ein neues Verständnis aktueller Kulturlandschaften in der Region herstellen – zwischen historischem Uranabbau und Tagebau in der DDR wie auch aktuellen ‚Renaturierungen’ und ‚Rekultivierungen’.“
Damit ist der theoretische Bogen von Nordschweden in die Lausitz geschlagen. Dort die Schönheit der ursprünglichen Landschaft. Hier die ursprüngliche Schönheit der seit 7000 Jahren durch Menschen geformten Kulturlandschaft. Dort wie hier die „transformatorische Zerstörung durch Verwertung“ der Landschaft. Dort die nomadisch als Rentierzüchter lebenden Ureinwohner, die Sami. Hier die sesshaften, bäuerlichen Ureinwohner, die Sorben. Demokratie und Partizipation ist zwar dort wie hier gegeben. Aber dort der Konsens zwischen Bewohnern und Minengesellschaft, hier der Dissens bzgl. der Dorfabbaggerung.
Nicht nur hatten die Sorben nie unter einer jahrhundertelangen kolonialen und rassistischen Politik, wie sie die Schweden den Sami angedeihen ließen, zu leiden. Auch sonst hinkt der Vergleich zwischen beiden Volksgruppen. Er wurde jedoch nonchalant unter den Tisch fallen gelassen. Denn das ganze war nur ein Vorwand. Der Rekurs auf unterdrückte Ureinwohner war verlogen. Eine einzige Nebelkerze. Es ging um Antikapitalismus. Die Ausstellung war eine offene Anklage gegen kapitalistischen Naturverbrauch und entfremdende Produktionsverhältnisse. Gespeist vom Geist des deutschen Idealismus zwischen Romantik und Lebensreform, wird über die Moderne lamentiert, die man, da hier negativ konnotiert, mit Kapitalismus gleichsetzt.

Konkret ging es gegen die Braunkohlenutzung in der Lausitz. Diese wird seit 25 Jahren vom schwedischen Konzern Vattenfall besorgt. Braunkohlenutzung ist seit Jahren d a s Wahlkampfthema der sächsischen Bündis90/Grünen. Wo die CDU den Grünen mit dem Atomausstieg den Schneid abgekauft hatte, versucht die SPD gleiches mit der Braunkohlennutzung. Erst unmittelbar nach Ausstellungsende waren die Lausitzer Proteste gegen die SPD-Pläne ein Medienthema, aber vor Ort ging es schon länger hin und her. Das KHDD jedenfalls lieferte mit dieser Ausstellung seinen Teil zur Volkserziehung im Sinne von Partei- und Staatsführung.

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Römisch Drei

Das KHDD als Propagandist rot/grüner Umweltpolitik hätte ich so nicht erwartet. Was mich entsetzte, war dieses Manipulative. Ich habe ausreichend Erfahrung mit dem Besuch von Kunstausstellungen und damit eventuell zusammenhängenden politischen Zielen. Aber etwas vergleichbares sah ich bisher äußerst selten.
Die ganze Machart der Ausstellung war durchtrieben. Man hatte von Anfang an das Gefühl, bei einem Marktschreier mit qualitativ besonders schlechter Ware zu sein. Der, wohlwissend um seinen Schund, solange irgendwas drauflegt und nachbuttert, bis die Tüte übervoll ist, die du dann nach Hause schleppen sollst. Es schrie: Bodenschätze ausbeuten ist schlecht! Kohle ist böse! Industrie ist schlecht! Diese Moderne ist schlecht! Die Menschen entfremden sich! Kapitalismus ist schlecht! Nur naturbelassene Ureinwohner sind gut! Kohle ist ganz böse! Es schrie via Kunst, die derart unkünstlerisch ist, dass es nicht schwerfallen dürfte, noch zwei weitere Ausstellungen mit denselben Exponaten zu bestreiten. Es müsste einfach nur der Kunsterklärzettel geändert werden.
Der Behauptismus wurde bekanntermaßen mit Beginn des 21.Jhd. als neuer –ismus in die Kunst eingeführt. Behauptismus ist Kunst, die etwas behauptet, ohne es zu zeigen. Und Kunst, die behauptet, Kunst zu sein. Und Kunst, die behauptet Kunst zu sein, weil sie etwas behauptet. Hier sah ich überall behauptistische Kunst.

Die Ausstellung in ihrer Augenwischerei war ein Mischmasch. Inkongruent, sprunghaft, zwanghaft versucht, die eigenen Prämissen zu beweisen. Neben den Werken aus Kiruna gab es offizielle DDR–Kunst zum Thema DDR–Tagebaue und es gab Kunst zu Tagebaufolgelandschaften auf dem ehemaligen Gebiet der DDR. Letztere Kunstwerke sind komplett nach 1990 entstanden. Dies in einer antikapitalistischen Ausstellung zu zeigen, zeugt von Idiotie. Aber da die Kuratoren sich an deutscher Romantik grün und rot besoffen hatten, war es denen egal. Außerdem hatten sie einen Parteiauftrag zu erfüllen.
Deshalb lief neben Gemälden von Gerda Lepke und Barbara Raetsch ein Dokumentarfilm über den großen Streik 1970 in Kiruna und es hingen klassenkämpferische Gemälde zum Streik gegenüber. Was hat das wohl mit der eingangs erwähnten Landschaft in der Moderne zu tun? Nichts. Aber es hat was mit Antikapitalismus zu tun.

Besonders unangenehm fand ich den Exotismus in der Thematisierung der Ureinwohner. Die Sami kamen nur als fischtrocknende Jurtenschnitzer vor und die Sorben nur als fest mit der Scholle verwurzelte Trachtenpuppen.
Ich stolperte über eine optisch ganz nette Arbeit zum menschlichen Eingriff in den Plauenschen Grund bei Dresden. Warum war die hier? Das hatte zwei einfache Gründe. Dieses Tal war seinerzeit eine Romantiker–Landschaft erster Güte und erst in der Zeit des Frühkapitalismus wurde es erschlossen. Außerdem brauchte die verantwortlich zeichnende Künstlerinnengruppe wieder einen Eintrag in ihr Ausstellungsverzeichnis.

Die meisten Exponate des »LAKOMA-Archiv der Lausitz« wurden im Kassenbereich zusammengedrängt und damit auf den ersten Blick vermeintlich verschwendet. Dies wurde extra so arrangiert, damit willige Leute nicht jedes mal Eintritt zahlen mussten, wollten sie sich die prominent platzierten, stundenlangen Videodokumentationen über die „Zerstörung der Lausitz“ und „böses Vattenfall“ ansehen. Dafür brauchte man neben jeder Menge Sitzfleisch echtes Durchhaltevermögen.

Römisch Vier

Was nicht vorkam, waren die positiven Ergebnisse dieser Landschaftstransformationen. Es wurde nicht eingegangen auf die Früchte dieser Arbeit wie warme Wohnungen; Wassergrundstücke an den renaturierten Tagebaurestlöchern; Häuser, gemacht aus den Steinen des Plauenschen Grunds; individueller Wohlstand durch Arbeit; staatlicher Wohlstand durch Steuern oder gar Volvos aus Schwedenstahl.
Das einzige, was man für ein Produkt der Eisenerzmine in Kiruna hätte nehmen können, war ein auf einem alten Foto abgebildetes, gekentertes Kanonenboot. Typisch! So sehen sie aus, die Ausstellungen der deutschen Intelligentzija, deren Geld aus der Steckdose kommt.
Apropos Steckdose: Windräder kamen selbstredend nicht vor. Aber diese spezielle transformatorische Zerstörung von Landschaft ist ja  etwas  Gutes.

Zum Schluss noch eine lustige Sache. Genaugenommen war sie insgesamt ein Witz, die behauptistische Arbeit von Grit Ruhland. Sie drehte sich um Uranabbau in der Gegend von Ronneburg. Im Begleitheft steht dazu: „Die massiven Eingriffe in die Beschaffenheit der Landschaft zeigen sich oft nur subtil, in einer bestimmten Vegetation, in einem verstärkten Ausschlag des Geigerzählers…“ Um die Subtilität des (sozialistischen) Eingriffs zu sehen bitte klicken, et voilà: Die Titten von Ronneburg 
In den letzten zwanzig Jahren hat dann die verfluchte kapitalistische Moderne diese Landschaft für eine neue ausbeuterische und entfremdende Nutzung vorbereitet, die sie beschönigend Renaturierung nennt. So sieht es heute da aus.

Man könnte das KHDD-typische Schludern für diese schlimme, parteipolitische Ausstellung verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, dass das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

Ostrale 2014 – Fraktale

1 Kommentar

Hangwärts Ostrale 14

Liebe Ratsuchende!

Einen Monat ist jetzt her, daß die Ostrale 2014 ihre Pforten schloss. Konnte man im letzten Jahr noch nicht klar sagen, wie sich die Ostrale nach der Reduzierung auf zwei Gebäude machen wird, wurde es in diesem Jahr deutlich. Der Grundton hat sich geändert. Keine Ausstellungspräsentationen mehr, die mit der Anmutung des Ludolfschen Schrottplatzes daher kamen und genau deshalb genau die gleiche Faszination auf das Publikum ausübten. Durch das geringere Raumangebot pro Präsentation erschien mir alles konzentrierter und fokussierter. In dem Teil mit der herkömmlichen Ostralebespielung fielen mir sogar Ansätze zur Stringenz auf. Fast so, als sollten Werke thematisch gruppiert sein. Ob es an der Neuaufstellung der „Firma“ Ostrale lag oder auch daran, daß der „Verdiente Kurator des Volkes“ Dr. Müller nach vielen Jahren nicht mehr mit von der Partie war? Ich weiß es nicht. Lösen konnte ich aber das Rätsel, was es mit der »drittgrößten jährlich stattfindenden Ausstellung von Gegenwartskunst in Deutschland« auf sich hat. Es fehlen die Kommas. Nach Documenta und BerlinBienale sieht sich die Ostrale als »drittgrößte , jährlich stattfindende , Ausstellung von Gegenwartskunst in Deutschland«.
Die O’14 zerfiel in fünf Unterausausstellungen, die sich deutlich voneinander unterschieden. Aber trotzdem war alles typisch Ostrale. Sie hätte also statt „äraund ju“ genausogut „Fraktale“ heißen können. Neben dem Ausstellungsteil der klassischen Ostrale gab es noch 4 andere Präsentationen, die allerdings nicht alle vom Ostrale-Tiem kuratiert wurden.

1) Herkömmliche Ostrale mit einigen Empfehlungen für Euch.
2) Die Ausstellung der Weightless Artists Association „Spartnic“ fand ich klasse. Weltraumthemen mag ich. Und die Ausstellungspräsentation war schick. Wenn man, wie ich, den Raum betrat, nachdem sich minutenlang keiner darin aufgehalten hatte, dann betrat man durch einen Vorhang einen total dunklen Raum mit schwarzen Wänden. Und erst beim zweiten Schritt reagiert die Beleuchtung. Aber es reagiert auch nur eine bestimmte Beleuchtung, je nachdem welchen Bewegungsmelder man mit dem ersten Schritt gerade aktiviert. So blieben Teile der Ausstellung immer im Dunkeln liegen. Die Qualität der Kunstwerke war weniger durchwachsen, als es die Ostrale an sich vermuten ließ. Den Teppich sollte es im Laden geben!
grauerteppsch

3) 25 Jahre friedliche Revolution – wichtiges Thema. Ohne sie gäbe es die Ostrale nicht. Trotzdem war die Präsentation nicht dolle. Es wurden Werke ausgestellt, deren Schöpfer mit Verve über Konsumterror und uns Dummköpfe, die wir dies nicht durchschauen, herziehen. Hätte nur noch gefehlt, dass sie offen über den Bedeutungsverlust des Künstlers an sich in der BRD lamentieren. Oh! Moment! Sie haben darüber lamentiert. Da verwechseln immer noch einige die Aufmerksamkeit des Zensors mit künstlerischer Relevanz.
Es mag an der Kooperation mit dem Künstlerbund Dresden e.V. liegen. Wie wir wissen, fördert der Freistaat Sachsen das Jubiläum „25 Jahre Friedliche Revolution“ mit Steuergeld. Die Förderung bekommen hauptsächlich Vereine. Der Vorsitzende des Künstlerbund Dresden e.V. ist Prof. Schieferdecker. Der vertritt mit Freuden obige Positionen und ist zufällig auch mit mehreren diesbezüglichen Assemblagen aus den 1990ern prominent vertreten.

Die Performänz-Videos vom Trio Petrovsky, Dorschner und Voigt sind irgendwie immer sehenswert, nur fragt man sich, was die halb verrotteten Reste einer Ausstellung mit einer Prämisse, die schon damals pubertär, dünn und lächerlich war und erst in den Nuller-Jahren durch die Republik tingelte, mit „25 Jahren Friedliche Revolution“ zu tun haben.
Auch fragt man sich, in wieweit Fotos von Graffitisprüchen von 1990 bis heute auf der O’14 richtig sind Sind diese Fotos, wenn schon nicht die Graffitis, überhaupt Kunst? Aber das ist eben die Ostrale.

Um den Förderrichtlinien genüge zu tun, wird einen Raum weiter an eine subversive Kunstaktion anno 1988 erinnert, die sogar durch die Deutsche Volkspolizei beobachtet wurde. Hört! Hört! Den vier Hanseln ist nichts passiert, da die VoPos davon ausgingen, die Abschlußaktion der gerade zu Ende gehenden Kunstmesse des DDR-Künstlerbundes zu sehen. So kam es jedenfalls seinerzeit mir zu Ohren. Egal, die Aktion bietet heute den Anlass, theatralisch mit blutroter Hillumination (ja, die Ostrale-Chefin projiziert selbst) und künstlerisch verfremdetem Stasi-Video von den Hauptbahnhofprotesten irgenwas zu beschwören. Schwamm drüber, daß die Protestierenden nicht extra für gegängelte Künstler auf die Straße gegangen waren. Hauptsache irgenwas mit friedlicher Revolution und Kunst.

Einen ganzen eigenen Raum gibt es für das Mnemosyne-Projekt. Die ausgestellten Werke sind voll ostraletauglich. 500 gelbe Badewannenenten in Fünferreihen zur Parade antreten lassen, und der halbe Raum ist schon mal belegt. Immerhin sind es DDR- Badewannenenten. Ein überdimensionierter Stöpsel soll ein rundes Sitzmöbel sein auf das sich niemand setzt, weil alle es für ein Kunstwerk halten. Und die Gummischlauchwolke, aus der es in eine Schale regnet, ist immer wieder lustig, wenn sie irgendwo gezeigt wird.

4. Die Länderpräsentation „Tschechische Republik“ brachte eine tschechische Wanderausstellung nach Dresden, die sich „Borderlinesyndrom“ nennt. Hier wurde sie etwas zerpflückt präsentiert. Auch wurde schamhaft der Bezug zu den Sudeten verschwiegen. Sie gefiel mir ausgesprochen gut. Spontan rief ich aus: „Jaroslav, ich möchte ein Bild von Dir!“.

5. „Preiwett Neschionelism“ war ein durchwachsenes Sammelsurium von mehr oder weniger osteuropäischen Künstlern und ihren künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Identitätsproblemen ihrer Länder und deren Bewohnern. Holland war auch vertreten. Deutschland fehlt. (Aber wir haben so was ja auch nicht nötig. Deutsche Künstler arbeiten sich am Fremden ab, nicht am Eigenen.) Vorallem die Videos waren sehr oft rein beschreibend und manches war mir mangels tieferer Länderkenntnisse unverständlich. Ich komme noch darauf zurück, wenn ich euch einzelne Werke vorstelle, liebe Ratsuchende.

Interessant war, daß akustischen Kunstwerken auf der O’14 viel Raum eingeräumt wurde. Da hat eine Fünftageskarte schon Sinn. Nur leider hat das einem keiner vorher gesagt.

Was in der Austellung an Stringenz zugenommen hat, hat in den kostenlosen Begleitheften abgenommen. An der Kasse bekam man zwar einen kostenlosen Lageplan. Aber erst in einem anderen Heft waren die Künstler mit ihren Hängungen abgedruckt. Dann aber auch nicht mit den Werktiteln, sondern mit Stähtments. Generell war das alles sehr zusammengewürfelt. Zum Glück gibt es einen Katalog. Zweibändig und diesmal mit Fotos aus der Ausstellung. Nicht wie der letztjährige mit seinen stailischen Promobildern. Ein umfangreiches Werk, welches ich in der Ostrale-Kantine nur kurz durchblätterte.
Katalog 1 HEU
Katalog 2 FUTTER
Nein, gelesen habe ich die Kataloge noch nicht. Ich möchte mein Urteil weitgehend unbeeinflusst abgeben.

Für meinen Geschmack war es diesmal viel zuviel DresdnerKunstszene®. Mit den Länderthemen darf es gerne weitergehen. Das wird es wahrscheinlich auch. Im Abschlußinterview sprach die Ostrale-Chefin davon, daß es nächstes Jahr Sachen aus Afrika zu sehen geben soll.
Afrika? War da nicht was? Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden machen schon was mit Afrika. Das Aninstitut für Ausstellungstheorie und -praxis macht ebenfalls was mit Afrika. Jetzt auch noch die Ostrale. Wieso das? Aha, ein Förderprogramm der Kulturstiftung des Bundes macht es möglich.

Die Kunstinstitutionen folgen dem Geld. Soll man jetzt auf den Konsumterror schimpfen, der uns Kunstkonsumenten in Dresden bis weit ins nächste Jahr mit afrikanischer Kunst terrorisiert? Prof. Schieferdecker, übernehmen Sie!

erwSkulp
Dürfen in keiner Überblicksaustellung zeitgenössischer Kunst fehlen – Sperrmüllsien, als erweiterte Skulpturen getarnt.

Kunsthaus Dresden – Schludern im Osten

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Liebe Ratsuchende!

Am 28. 9. 2014 endeten drei Ausstellungen. Alle fanden im Kunsthaus zur gleichen Zeit statt. Sie hießen „soschiäll moschns“, „dschörmänn ängst“ und „demo tähp“.

Ob es ein neuer Trend ist, thematisch verwandte Werkgruppen von verschiedenen Künstlern als Einzelausstellungen zu deklarieren und damit die Statistik aufzublähen, bleibt abzuwarten. Allerdings ist klar, warum das Kunsthaus gesplittet hat. Die sächsische Staatsregierung warf eine halbe Million Euro ins Rennen, um das Gedenken an «25 Jahre friedliche Revolution» zu fördern. Dieses Fördergeld soll hauptsächlich an Projekte von Vereinen gehen. Deshalb ist bei der diesjährigen Ostrale der Künstlerbund Dresden e.V. mit an Bord und das Kunsthaus Dresden hat seinen „Freundeskreis Kunsthaus Dresden e.V.“ mit der erfahrenen Frau Brose-Eiermann vorgeschickt.

Dieser Verein gilt als Veranstalter der Ausstellung „DEMO TAPE“ mit Gemälden von Markus Draper.
Der Künstler hat Einzelbilder von dem bekannten Video über die Leipziger Demo anno 1989 auf Leinwand übertragen. Jeder, der irgendwann mal eine Fernsehsendung zum Thema sah, kennt das Video. Als Dresdner halte ich mich für unverdächtig, diese Gemälde mit zuviel Bedeutung aufzuladen. Ich find sie trotzdem gut in ihrer Darstellung von Massenaufläufen. Handwerklich richtig gut gemacht sind sie. Erst wurde das eigentliche Bild auf die Leinwand „getüpfelt“ und dann wurden die schwarzen Linien als Simulation von Zeilen eines schlecht auflösenden Röhrenbildschirms hinzugefügt. Die Bilder wirken aus drei Metern Entfernung besser als wenn man unmittelbar davor steht.
Glücklicherweise haben wir aus dieser Zeit kein einzelnes ikonografisches Bild, wie der „tank man“ etwa. Die Implosion der DDR war dazu zu komplex. Es ist daher kein Wunder, daß die relevantesten Kunstwerke zum Herbst `89 bisher Romane waren. Sehr komplexe Romane. Und ihre Verfilmungen. Ich bin gespannt, was noch an bildender Kunst zum Thema kommen mag.
Im Übrigen ist die Vereinspublikation zur Ausstellung ein schlechter Witz, für den man auch noch 1,50 bezahlen soll.

Der Versuch einer Gegenposition war die zweite Ausstellung. „GERMAN ANGST“ mit Werken von Annette Weisser.
Wie man dem Kunsterklärzettel entnehmen konnte, ging es im Kern um die alte Beschwerde der Westdeutschen, daß die Ostdeutschen mit ihrer friedlichen Revolution die Protestbewegungen der 80er in der ehem. BRD überstrahlen. Deshalb sollte in dieser Ausstellung eine Westdeutsche ihre Position in Bezug auf diese politische Proteste zeigen. Es hätte interessant werden können. Es war bieder und betulich.Es war Spießerkunst⁳.
Ob es daran lag, daß es einfach die lieblose Resteverwertung einer Ausstellung der Künstlerin mit dem Titel „Make yourself available“ im Heidelberger Kunstverein 2013 war, dessen derzeitige Chefin übrigens das Dresdner Kunsthaus 2007/8 als Mutterschaftsvertretung leitete? Oder lag es daran, daß die Ausstellung 2013 den Akzent auf eine Jugend in den 80ern in der süd(west)deutschen Provinz legte und nicht direkt auf die gesellschaftlichen Proteste jener Zeit? Oder lag es an der guten alten westgerman supremacy, die natürlich niemand zugeben würde, die aber gern zum Schludern im Osten verführt? Ich halte alles das für sehr wahrscheinlich.

Es bleibt wiedermal ein nicht zufriedenstellendes Arbeitsergebnis der kuratierenden Kunsthauschefin. Es scheint ohnehin, als wäre ihre Stärke seit einiger Zeit vom Kuratieren zum Texteverfassen gewandert. Obwohl diese Texte zunehmend ein Lektorat vertragen könnten. Wenn man die Kunsterklärzettel von Frau Christiane ließt, dann denkt man: Oho! So so! Wenn man die Ausstellungen sieht, denkt man: Hä? Wie jetzt? Deswegen gehe ich durch eine Ausstellung grundsätzlich erstmal ohne textliche Hilfestellungen und lese erst im Nachhinein, was der Kurator meint, was ich hätte sehen sollen.
Hier z.B. gibt es als Einstieg in den Begleittext ein starkes Zitat einer amerikanischen Künstlerin. Annette Weisser wäre in den 80ern „wie ihre Altersgenossen gefangen zwischen einem Horror vor dem deutschen Faschismus wie auch dem Ekel vor den offiziellen Bekenntnissen der Reue.“ Oho! Ein schiefer Skylla-und Charybdis-Vergleich! Was soll uns das jetzt sagen, fragte ich mich? Spricht hier diese oder jene etwa, allein schon durch die Weiterverbreitung des Zitats, dem „Schuldkult“ das Wort? Moment! Was hat das überhaupt mit Anti-Atom–Protesten und Ostermärschen zu tun, fragte ich mich weiter? Dann fand ich heraus, daß das Zitat aus einem englischen Text zur 2013er Ausstellung kommt. Es hat es offensichtlich nur deshalb ins Kunsthaus geschafft, weil es das einzig Aufregende an der ganzen Ausstellung ist. Ob die westdeutschen Altersgenossen der Künstlerin wirklich so empfanden, kann ich nicht sagen. Ich als mitteldeutscher Altersgenosse kann aber ungefragt klarstellen: Hier in Dresden war in den 80ern die Uhr schon lange weitergelaufen. Selbstverständlich hat unsere Besatzungsmacht uns, den DDR-Deutschen, nichts geschenkt, wenn es um die Kriegsverbrechen ging. Und die Kommunisten schenkten uns nichts, wenn es um die NS-Verbrechen ging. Aber trotzdem drehte sich die Erde weiter. Wir waren nicht gefangen von einem Horror vor dem deutschen Faschismus. Definitiv nicht, denn der war irgendwann vorher aufgearbeitet. Und ein offizielles Reuebekenntnis wie in der BRD gab es nicht. Es gab immer hohler werdende Bekenntnisse zu Frieden und Sozialismus. Man brauchte solche öffentlichen Bekenntnisse nicht ernstnehmen. Trotzdem konnte man eine Haltung gegen Krieg und nationalen Sozialismus haben.
In der DDR in den 70ern war unsere Eltern endgültig aus den Ruinen auferstanden und in den 80ern hatten wir uns der Zukunft zugewandt. Es gab dann das ganze Jahrzehnt eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie diese Zukunft aussehen sollte. Da wir uns als Gesellschaft nicht einigen konnten, führte der Meinungsfindungsprozess letztlich zum Herbst `89 und in dessem Gefolge zur deutschen Wiedervereinigung. Nun in der BRD, wurden wir neben vielem anderen plötzlich wieder mit den Lippenbekenntnissen zu etwas längst Bewältigtem überrascht. Wie retardierend! Aber besser als sich davor zu ekeln ist es doch, den Mund aufzumachen und zu sagen, daß man sich ekelt. Also macht den Mund auf. Wovor habt ihr Angst?
Heute fühle ich mich sehr oft in die Zeit der DDR zurückversetzt, z.B. wenn Musikgruppen erst auftreten dürfen, wenn sie sich öffentlich zu Frieden und Sozialismus dazu bekennen, politisch Links zu sein. Ähnlich ist es in der bildenden Kunst. Was auch nur danach riecht, nicht links zu sein, wird nach Möglichkeit ausgemerzt. Dieser Gefahr der gesellschaftlichen Ächtung sind sich alle Künstler bewusst. Deshalb ist das meiste, was sich heute als Kunst mit Politik beschäftigt, schlimmer Schranz. Bierernste Kopfgeburten; politisch überkorrekt und so langweilig, daß man aufpassen muß, nicht lang hinzuschlagen beim Anschauen.
Dafür sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen, Bürger! Aber jede Revolution frisst ihre Kinder. Selbst wenn sie so friedlich wie die vom November 1989 sind. So geht das.
Das Zitat entstammt offensichtlich der angelsächsischen Tradition, eine Rede mit einem Knalleffekt zu beginnen, um die volle Aufmerksamkeit zu erhalten und hat keine darüberhinausgehende Bedeutung. Reinstes Marketing.

Die dritte Ausstellung hieß „SOCIAL MOTIONS“ mit Werken der mal als serbisch, mal als ungarisch bezeichneten Katarina Sevic und ihrer Kunsttruppe Tehnica Schweiz.
Ein kompletter Totalausfall. Das Hauptwerk war ein Video einer Performänz, wo Leute über eine Stadtbrache staksen. Ohne Kunsterklärzettel wusste man nicht, was gemeint sein könnte. Eine Performance mit fragwürdigen Prämissen und dünner Unterfütterung. George A. Romero hat das bereits 1968 wesentlich besser abgefilmt. Null Punkte – Durchgefallen.
Generell ist zu sagen: Selbst wenn das heimliche Oberthema dieser drei Ausstellungen »Individuum und Gemeinschaft« gewesen sein sollte, so waren es wieder zwei Ausstellungen des Kunsthaus Dresden, die nicht zufriedenstellten. Mir ist wieder mal bestätigt worden, daß in der ehem. BRD sozialisierte Menschen mit diesem Thema einfach überfordert sind. Nicht mal bis zu unserem Nationalfeiertag war geöffnet.

Zum Glück braucht die Kunsthauschef_in nicht um ihren Stuhl bangen, nachdem sie jetzt wieder erfolgreich Drittmittel für das „Aninstitut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ eingeworben hat. Ab Mitte Oktober gibt es für vier Wochen die Ausstellung der Meisterschüler_innen-Absolvent_innen der HfBK Dresden. Da ist nichts falsch zu machen. Und danach gibt es die nächste Versuchsanordnung, in der für 5 Monate Ausstellungstheorie praktisch erforscht wird.
Ich bleibe dran.

Dieser Text ist ein Beitrag zum Jubiläum «25 Jahre friedliche Revolution». Leider wurde versäumt, Fördermittel abzuschöpfen.
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Hoch die internationale Solidarität!