Sommergeplauder 5: Das Kunsthaus Dresden langweilt sich und andere. ODER Eine Warnung vor Ruhm.

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Die Kunsthaussaison 2015/16 ist beendet und ich genieße bei 30°C im Schatten in meiner Klotzscher Hängematte ein alkoholfreies Weizenbier. Dabei lasse ich die vergangene Saison im Kunsthaus Dresden Revue passieren. Wobei es diesmal nicht so viel zu erzählen gibt, gemessen an der vorhergegangenen Saison. Sparflamme in allen Bereichen war angesagt.

Vom 1. November 2015 bis in den März 2016 gab es die Ausstellung

Ortstermin mit Leoni Wirth

Modelle und Entwürfe aus dem Atelier von Leoni Wirth und zeitgenössische Positionen zu Abstraktion und Moderne

Leoni Wirth und Rimma Arslanov, Susan Hefuna, Margret Hoppe, Ali Kaaf, Su-Ran Sichling, Mona Vatamu / Florin Tudor Kuratiert von Torsten Birne und Christiane Mennicke-Schwarz

 

Es war eine Austellung, deren Armseligkeit sachliche Reduziertheit traurig und ein Stück weit betroffen machte. Nichts gegen Kunst am Bau und nichts gegen Leonie Wirth, aber solch Ausstellung wäre vielleicht dem Heimatmuseum in Dippoldiswalde angemessen, wäre Frau Wirth eine Tochter jener Stadt gewesen. Mir sind die Gründe für die Entscheidung, eine Künstlerin, die doch recht wenig und das, abgesehen von ihrem Hauptwerk, recht durchschnittlich gemacht hat, fünf volle Monate im Kunsthaus Dresden zu präsentieren, unbekannt. Es wurde durch den Ausstellungsbesuch auch nicht klarer und blieb letztlich unverständlich. Am Geldmangel konnte es doch nicht liegen angesichts der Tatsache, dass ein Architektenbüro für die Ausstellungseinrichtung inklusive extra angefertigter Vitrinen sorgte.

Frau Wirth hinterließ einfach kein Övre, welches mengenmäßig groß genug ist, um den Ausstellungsort zu bespielen. Um das Haus zu füllen, gab es deshalb noch andere Kunst anderer Künstler zu sehen. Das war aber keine Kunst–am–Bau bezogene Kunst, sondern irgendwelche Beliebigkeit. Die Werke hatte ich alle schon wieder vergessen, als ich zwei Stunden später zu Hause war und meine ersten Eindrücke niederschreiben wollte. Seltsam. Soetwas passiert mir selten. Hier die Fotogalerie des Kunsthaus. »KLICK« (Der letzte Absatz des Begleittext auf der Homepage lässt die Klasse der Verfasserin in Bezug auf  Kuratorengeschwurbel aufblitzen.)

 

Leonie Wirths machte Kunst am Bau und schuf einige Brunnen in der Stadt. Ihr Opus Magnum war der Pusteblumenbrunnen auf der Prager Straße. Dieser wurde im Zuge der Neugestaltung abgerissen und in veränderter Form im Stadtteil Prohlis wieder aufgebaut. Auch auf der Prager Straße gibt es einen Wassersprüher, der sich der Pusteblumenform bedient, aber das ist nicht dasselbe. Der alte Pusteblumenbrunnen war ein tolles Wasserspiel. Der hatte Ausstrahlung. Was heute an dieser Stelle steht, ist ein Witz dagegen.

Ein beeindruckendes Ensemble  ©Deutsche Fotothek‎, Fotothek df ps 0002955 Brunnen, CC BY-SA 3.0 DE

Ein beeindruckendes Ensemble
©Deutsche Fotothek‎, Fotothek df ps 0002955 Brunnen, CC BY-SA 3.0 DE

Leoni Wirths Alterswerk bestand aus höchstem Einsatz für den Tierschutz bei Nutztieren. Sie verhinderte in den 90ern im Alleingang die artgerechte Haltung von Galloway-Rindern bei den Bauern in der Umgebung von Rochwitz. Rochwitz ist ein nach Dresden eingemeindetes Dorf im Schönfelder Hochland, wo das Haus von Leonie Wirth steht. »KLICK«

Sie nutze ihren täglichen Spaziergang zur Patrouille entlang der Weiden. Und sobald etwas ihr Missfallen erregte, stellte sie sofort Anzeige wegen Tierquälerei bei Polizei und Amtstierarzt. Die technische Entwicklung in Form von Mobiltelefonen kam ihr dabei entgegen. Sie hatte sich auf einen Bauern eingeschossen, der seine winterharten Rinder im Schnee auf der Weide ließ. Ihre Anzeigeritis nahm solche Ausmaße an, dass nicht nur der Bauer, der Amtstierarzt und die Polizei entnervt aufgaben, sondern die lokale Presse mehrere Artikel über Frau Wirth schrieb. Künstlerisch tätig war sie nur noch bei der Anfertigung großer Pappmascheèköpfe von Landespolitikern, die sie dann mit ihren Freundinnen auf den gemeinsamen Tierschutzdemos mitführte. Diese Pappmascheèarbeiten fehlten leider in der Austellung. Wie auch ihr Einsatz für den Tierschutz nirgends erwähnt wurde. Schade und unverständlich. Das hätte den Menschen Leonie Wirth viel vollständiger erscheinen lassen. Verschwiegen ausgerechnet im Kunsthaus Dresden, welches sich sonst nie scheut, in seinen Ausstellungen die „richtige“ Ideologie unter die Leute zu bringen.  Jedenfalls solltet ihr, liebe Ratsuchende, euch genau überlegen, ob ihr berühmt werden möchtet, wenn die Möglichkeit besteht,  postum mit solchen Ausstellungen geehrt zu werden.  Diese Präsentation war eher eine Warnung vor Ruhm.

Man könnte jetzt sagen, dass es besser ist, an Ausstellungen, die von Christiane Mennicke-Schwarz und Torsten Birne kuratiert worden sind, niedrige Ansprüche zu knüpfen, um nicht enttäuscht zu werden. Aber wir dürfen nicht vergessen, was das Kunsthaus Dresden in Wahrheit ist. Es ist das »An-Institut für Ausstellungstheorie und –praxis der HfbK Dresden«. Und das war eine Versuchsanordnung, stimmts?

 

Sommergeplauder 3: Das Kunsthaus Dresden unter falscher Flagge oder Marketing will gelernt sein!

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Hochsommer, meine Hängematte und so richtig schön kalter Eistee bringen mich in Plauderlaune.

Heute plaudere ich ein wenig über die zweite Ausstellung der Saison im Kunsthaus Dresden. Sie lief vom 1.4.2015 bis zum 31.5.2015 und hieß:

Seiichi Furuya – Was wir sehen.

Dresden 1984 – 85 

Angepriesen wurde die Ausstellung mit einem Einführungstext voller Kuratorenlyrik. Es „ermöglichen die in Dresden 1984 und 1985 entstandenen Aufnahmen Furuyas einen einzigartigen Blick in die Geschlossene Gesellschaft der sozialistischen Republik. Ausgebildet als Architekt und Fotograf zog Seiichi Furuya zunächst nach Österreich und nahm zur Absicherung des Lebensunterhalts eine Tätigkeit als Übersetzer für eine japanische Baufirma an. Diese führte das junge Paar und ihren dreijährigen Sohn 1984/85 in die damalige DDR – nach Dresden.“

Die Fotos waren gut, keine Frage. Aber es war eine Ausstellung mit Material des 2010 abgeschlossenen Memories-Projekts des Künstlers, in dem er sich retrospektiv mit dem Zusammenleben mit seiner schwer depressiven Frau auseinandersetzt. Dieses Leben fand ab 1984 in der DDR statt, bis sich seine Frau 1987 in Ostberlin selbst tötete. Deshalb kamen Fotos von Dresden in dem Projekt vor. Was hier gezeigt wurde, war definitiv keine Ausstellung von Dresden-Fotografien. Der Blick des Fremden von außen auf diese Stadt, gar mit der Stadt als Hauptmotiv, fand in dieser Ausstellung nicht statt. Wo „Furuyas Werk auch ein integriertes Verständnis der biografischen und zeitgeschichtlichen Ereignisse im Zusammenhang mit dem politischen Systemwechsel in Staaten Mittel- und Osteuropas.“ reflektiert, bleibt das Geheimnis von Christiane Mennicke-Schwarz.

Es gibt ein Foto, welches einen Elbdampfer zeigt, der mit der Nordkoreanischen Flagge geflaggt war, weil Honecker und sein Diktatorenkollege Kim an dem Tag in der Stadt zum Dampfer fahren waren. Auch gibt es zwei Fotos, auf denen Sowjetsoldaten zu sehen sind. Daraus macht Frau Dr. Kunsthauschef_In: „Die Fotografien des in Japan geborenen Furuya beleuchten das Verhältnis zwischen individueller und politischer Geschichte.“ Sie „ergänzen das bisher vorliegende Bildmaterial zu Dresden in den achtziger Jahren.“ Äh, nein. Eigentlich nicht. Und wenn doch, dann nur marginal und eher zufällig. Keine neuen Motive, keine neuen Perspektiven, keine neuen Erkenntnisse.

fotokhböhle

Wo bitte geht es zum Kunsthaus?

Selbst die kunstvoll in postmodernem Deutsch gedengelte Sentenz: „In den durch die sozialistische Architektur und den typischen Kleidungsstil dieser Zeit geprägten urbanen Motiven Dresdens, der Prager Straße, dem Dresdner Zoo oder auf dem Rummelplatz durchdringen sich die politischen und privaten Räume und Umstände dieser Zeit.“ ist eine Nullaussage. So schrieben Anfang der 1990er Leute über den Osten, die sich das Geschehen hinter dem gefallenen Eisernen Vorhang vom Standpunkt der westgerman supremacy selbst erklärten. Wer dies von einer promovierten Kunsthistorikerin, die schon seit 12 Jahren hier lebt und genausolange ausgerechnet im KHDD arbeitet, liest, und dann unwillürlich an den flachen Springbrunnen auf dem benachbarten Palaisplatz denkt, braucht sich nicht zu schämen.

Zumindest die sprachlichen Fähigeiten von Frau Mennicke-Schwarz möchte ich als Glücksfall bezeichnen. Der Unterhaltungswert ist enorm und anspornend. Die Besucher des Kunstverein Heidelberg, wo diese Ausstellung vorher, und die Besucher der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig, wo diese Ausstellung hinterher gezeigt wurde, mussten auf solche außergewöhnliche Kuratorenlyrik verzichten.

Leider ist der große Videobericht zur Ausstellungseröffnung von meinem Leib- und Magensender »Dresden Fernsehen«/»Kanal8« nicht im Internet zu finden. Er ist sehenswert. Darin kam der Künster zu Wort und Frau Kunsthauschef_In redete in die Kamera. Es war schlicht großartig, wie sie toternst und mit innerer Überzeugung den Wert der Kunstwerke und die Notwendigkeit der Ausstellung damit erklärte, dass es von und aus Dresden aus jener Zeit (1985) keine künstlerischen F a r b fotografien gibt. LOL, ROFL, Facepalm – alles gleichzeitig! Es ist mutig, so offen und öffentlich zuzugeben, dass frau von der Fotografieszene in jener Zeit in dieser Stadt nicht einen blassen Schimmer hat. Warum auch!? Zuviel Wissen verwirrt nur! Falls jemand von Euch diesen Beitrag irgendwo im Netz findet, bitte ich um den Link.

cover Dresden in Farbe

Lt. Kunstwissenschaftlerin Frau Dr. Mennicke-Schwarz inexistentes Buch von Karl-Heinz Böhle aus dem Jahr 1984.

Die zeitgleich in den Technischen Sammlungen Dresden ausgestellten Fotos von Seiichi Furuya waren amüsanterweise das künstlerischere Set der beiden Ausstellungen.

Dann gab es noch im KHDD zeitgleich eine Zweitausstellung. Darin wurde das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz als ein zentrales Thema der fotografischen Arbeiten von Lysann Buschbeck beleuchtet. Ihre Fotos fielen künstlerisch ab gegen Herrn Furuyas. Vermutlich wurden sie ausgestellt, weil ihr Projekt „Einer fehlt immer“ heißt. Das passt so gut zur toten Frau des Hauptkünstlers.

Bleibt festzuhalten, daß eine vernünftige Doppelausstellung eines renommierten Fotografen wie der Elbdampfer mit Kim unter falscher Flagge fuhr. Man könnte jetzt das KHDD-typische Schludern für die Diskrepanz verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, daß das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?

Das sagt der Fotograf selber zu dieser Zeit: https://www.youtube.com/watch?v=evFk_pzfwE0

Und noch ein Video (leider nicht das gewünschte) von der Eröffnung: https://youtu.be/_na_SyC4yzQ

 

Sommergeplauder 2: Das Kunsthaus Dresden im Rausch der Romantik oder Anticapitalismo rulz!

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Hochsommer, meine Holliwudd-Schaukel und ein Glas Eistee bringen mich in Plauderlaune. Heute möchte ich ein wenig über die erste Ausstellung der Saison im »An-Institut für Ausstellungstheorie und –praxis der HfBK Dresden«, auch als »Kunsthaus Dresden« bekannt, plaudern. Sie lief vom 21.11.14 bis zum 15.3.15 und hieß:

Kirunatopia
Im Schatten der Zukunft / Kunst zu Landschaft und Ressourcen im 21. Jahrhundert

Während meines Besuchs hatte ich ein seltenes Erlebnis. Je länger ich blieb, desto mehr stieg mein Blutdruck. Am Ende war ich so wütend, hilflos und verärgert, dass ich am liebsten mit meinem Selfiestick dazwischen geschlagen hätte. Nur konnte ich mir nicht erklären, was mit mir passiert war. Erst viel später traf mich die Erkenntnis wie eine kalte Dusche: Ich sollte manipuliert werden. Und zwar auf das Bösartigste. Aber von Anfang an:

Römisch Eins

Es gibt in Nordschweden die weltgrößte Eisenerzmine. Diese Mine hat für ihre Bergarbeiter eine Siedlung, inzwischen stadtgroß. Diese Stadt heißt Kiruna. Nun ergab es sich zur Jahrtausendwende, dass diese Bergarbeitersiedlung um einige Kilometer verschoben werden muss, um die Sicherheit der Bewohner vor Bergschäden und die weitere Ausbeutung der Erzmine zu gewährleisten. Bezahlt wird das von der Minengesellschaft und es gibt darüber Konsens mit den Bewohnern.
Diesen Umzug nahm das Goethe–Institut Schweden zum Anlass, 2007 ein Kunstprojekt in dieser Stadt zu starten, deren Ergebnisse 2012 daselbst ausgestellt wurden.
Der Chef vom Goethe-Institut Schweden, Rainer Hauswirth, schreibt dazu im Einführungstext: „Die Ausstellung Kirunatopia (2012), initiiert vom Goethe-Institut Schweden, in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt Kiruna, widmet sich den Fragen zu der Geschichte der Rohstoffgewinnung, industrieller Transformation und Landschaft als Konzept der Moderne.“
Landschaft als Konzept der Moderne? Der Beginn der Moderne wird verschieden terminiert. Während das für die meisten Leute die Gründerzeit ist, gilt für die Philosophie die Aufklärung als Beginn der Moderne. Für die Soziologie wiederum wird gern die franz. Revolution 1789 als Markierung genommen. Dass die vormoderne Menschheit im Umkehrschluss kein oder ein anderes Konzept von Landschaft hatte, ist eine typische Kuratorenschwurbelei. Immerhin wird so eine Prämisse gesetzt. Zur Untermauerung dieser braucht es jetzt noch das Zitat einer Geistesgröße. Hauswirth zitiert Georg Simmel. der seinen Schaffenshöhepunkt um 1910 herum hatte:„Die Natur, die in ihrem tiefen Sein und Sinn nichts von Individualität weiß, wird durch den teilenden und das Geteilte zu Sondereinheiten bildenden Blick des Menschen zu der jeweiligen Individualität »Landschaft« umgebaut.“ Nochmal in heutigem Normaldeutsch: Die Natur liegt gemütlich da draußen rum und dann kommt der moderne Mensch und zerschneidet sie ungefragt einfach so in einzelne Landschaften.

Georg Simmel ist heute hauptsächlich als Begründer der Soziologie bekannt. Weniger bekannt, aber für diese Ausstellung viel wichtiger ist, dass er ein angesehener Vertreter der Lebensphilosophie war. Diese ist eine idealistische Philosophie. Sie lehnt Utilitarismus, Rationalismus oder gar ein materialistisches Weltbild ab. Sie arbeitet gern mit dem Intuitiven, dem Mystischen und Numinosen. Da passt beseelte Natur ganz gut dazu. Übrigens veröffentlichte Georg Simmel 1900 eine Philosophie des Geldes, in der er gegen die Vergötterung des Geldes, gegen Bankenmacht und Gewinnstreben anschrieb. Falls ihr jetzt vermutet, dass das etwas mit der Lebensreformbewegung zu tun haben könnte, dann vermutet ihr völlig richtig. Wir sind hier mittendrin in diesem Geisteskosmos.
Herr Hauswirth schreibt weiter in dem Einführungstext: „Dabei ist das Konzept einer ‘Landschaft’ wie Simmel es beschreibt, bereits selbst ein Nebenprodukt eben jener industriellen Moderne, eines Denkens der Neuzeit, das spätestens mit der Romantik auch die Naturwahrnehmung zerteilt und in funktionale Bereiche zerlegt, denen einerseits die Herstellung von Emotionen und andererseits die materiellen Ressourcengewinnung zugeteilt wird.“ Da haben wir sie, die deutsche Romantik. Wiedermal darf sie als die Gute gegen die Schlechte, die Moderne, in den Ring steigen. So fügt sich eins zum anderen. Damit es aber so richtig voll total romantisch wird, kommt jetzt noch der Edle Wilde ins Spiel. Mangels wirklichen Widerstands gegen die Stadtverlagerung muss der Ureinwohner, hier der Same, herhalten. Also wird der Verlust von Weideflächen und ursprünglicher Landschaft(sic!) durch die „Industriekultur der Moderne“ beschworen.

Römisch Zwei:

Für Dresden schreibt Frau Mennicke-Schwarz im Einführungstext, dessen ursprüngliche Onleinversion, aus der ich hier zitiere, nach verschiedenen Redigierungen später komplett gegen den jetzt dort zu lesenden Text ausgetauscht wurde: „Die Geschichte von Landschaften, als Ergebnis gesellschaftlicher und kultureller Transformationsprozesse der Moderne zwischen regionalen und globalen Interessen, wird auch in Dresden aktiviert: So entstehen zum einen künstlerische Arbeiten und Projekte, die basierend auf Recherche und konkreter Arbeit vor Ort ein neues Verständnis aktueller Kulturlandschaften in der Region herstellen – zwischen historischem Uranabbau und Tagebau in der DDR wie auch aktuellen ‚Renaturierungen’ und ‚Rekultivierungen’.“
Damit ist der theoretische Bogen von Nordschweden in die Lausitz geschlagen. Dort die Schönheit der ursprünglichen Landschaft. Hier die ursprüngliche Schönheit der seit 7000 Jahren durch Menschen geformten Kulturlandschaft. Dort wie hier die „transformatorische Zerstörung durch Verwertung“ der Landschaft. Dort die nomadisch als Rentierzüchter lebenden Ureinwohner, die Sami. Hier die sesshaften, bäuerlichen Ureinwohner, die Sorben. Demokratie und Partizipation ist zwar dort wie hier gegeben. Aber dort der Konsens zwischen Bewohnern und Minengesellschaft, hier der Dissens bzgl. der Dorfabbaggerung.
Nicht nur hatten die Sorben nie unter einer jahrhundertelangen kolonialen und rassistischen Politik, wie sie die Schweden den Sami angedeihen ließen, zu leiden. Auch sonst hinkt der Vergleich zwischen beiden Volksgruppen. Er wurde jedoch nonchalant unter den Tisch fallen gelassen. Denn das ganze war nur ein Vorwand. Der Rekurs auf unterdrückte Ureinwohner war verlogen. Eine einzige Nebelkerze. Es ging um Antikapitalismus. Die Ausstellung war eine offene Anklage gegen kapitalistischen Naturverbrauch und entfremdende Produktionsverhältnisse. Gespeist vom Geist des deutschen Idealismus zwischen Romantik und Lebensreform, wird über die Moderne lamentiert, die man, da hier negativ konnotiert, mit Kapitalismus gleichsetzt.

Konkret ging es gegen die Braunkohlenutzung in der Lausitz. Diese wird seit 25 Jahren vom schwedischen Konzern Vattenfall besorgt. Braunkohlenutzung ist seit Jahren d a s Wahlkampfthema der sächsischen Bündis90/Grünen. Wo die CDU den Grünen mit dem Atomausstieg den Schneid abgekauft hatte, versucht die SPD gleiches mit der Braunkohlennutzung. Erst unmittelbar nach Ausstellungsende waren die Lausitzer Proteste gegen die SPD-Pläne ein Medienthema, aber vor Ort ging es schon länger hin und her. Das KHDD jedenfalls lieferte mit dieser Ausstellung seinen Teil zur Volkserziehung im Sinne von Partei- und Staatsführung.

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Römisch Drei

Das KHDD als Propagandist rot/grüner Umweltpolitik hätte ich so nicht erwartet. Was mich entsetzte, war dieses Manipulative. Ich habe ausreichend Erfahrung mit dem Besuch von Kunstausstellungen und damit eventuell zusammenhängenden politischen Zielen. Aber etwas vergleichbares sah ich bisher äußerst selten.
Die ganze Machart der Ausstellung war durchtrieben. Man hatte von Anfang an das Gefühl, bei einem Marktschreier mit qualitativ besonders schlechter Ware zu sein. Der, wohlwissend um seinen Schund, solange irgendwas drauflegt und nachbuttert, bis die Tüte übervoll ist, die du dann nach Hause schleppen sollst. Es schrie: Bodenschätze ausbeuten ist schlecht! Kohle ist böse! Industrie ist schlecht! Diese Moderne ist schlecht! Die Menschen entfremden sich! Kapitalismus ist schlecht! Nur naturbelassene Ureinwohner sind gut! Kohle ist ganz böse! Es schrie via Kunst, die derart unkünstlerisch ist, dass es nicht schwerfallen dürfte, noch zwei weitere Ausstellungen mit denselben Exponaten zu bestreiten. Es müsste einfach nur der Kunsterklärzettel geändert werden.
Der Behauptismus wurde bekanntermaßen mit Beginn des 21.Jhd. als neuer –ismus in die Kunst eingeführt. Behauptismus ist Kunst, die etwas behauptet, ohne es zu zeigen. Und Kunst, die behauptet, Kunst zu sein. Und Kunst, die behauptet Kunst zu sein, weil sie etwas behauptet. Hier sah ich überall behauptistische Kunst.

Die Ausstellung in ihrer Augenwischerei war ein Mischmasch. Inkongruent, sprunghaft, zwanghaft versucht, die eigenen Prämissen zu beweisen. Neben den Werken aus Kiruna gab es offizielle DDR–Kunst zum Thema DDR–Tagebaue und es gab Kunst zu Tagebaufolgelandschaften auf dem ehemaligen Gebiet der DDR. Letztere Kunstwerke sind komplett nach 1990 entstanden. Dies in einer antikapitalistischen Ausstellung zu zeigen, zeugt von Idiotie. Aber da die Kuratoren sich an deutscher Romantik grün und rot besoffen hatten, war es denen egal. Außerdem hatten sie einen Parteiauftrag zu erfüllen.
Deshalb lief neben Gemälden von Gerda Lepke und Barbara Raetsch ein Dokumentarfilm über den großen Streik 1970 in Kiruna und es hingen klassenkämpferische Gemälde zum Streik gegenüber. Was hat das wohl mit der eingangs erwähnten Landschaft in der Moderne zu tun? Nichts. Aber es hat was mit Antikapitalismus zu tun.

Besonders unangenehm fand ich den Exotismus in der Thematisierung der Ureinwohner. Die Sami kamen nur als fischtrocknende Jurtenschnitzer vor und die Sorben nur als fest mit der Scholle verwurzelte Trachtenpuppen.
Ich stolperte über eine optisch ganz nette Arbeit zum menschlichen Eingriff in den Plauenschen Grund bei Dresden. Warum war die hier? Das hatte zwei einfache Gründe. Dieses Tal war seinerzeit eine Romantiker–Landschaft erster Güte und erst in der Zeit des Frühkapitalismus wurde es erschlossen. Außerdem brauchte die verantwortlich zeichnende Künstlerinnengruppe wieder einen Eintrag in ihr Ausstellungsverzeichnis.

Die meisten Exponate des »LAKOMA-Archiv der Lausitz« wurden im Kassenbereich zusammengedrängt und damit auf den ersten Blick vermeintlich verschwendet. Dies wurde extra so arrangiert, damit willige Leute nicht jedes mal Eintritt zahlen mussten, wollten sie sich die prominent platzierten, stundenlangen Videodokumentationen über die „Zerstörung der Lausitz“ und „böses Vattenfall“ ansehen. Dafür brauchte man neben jeder Menge Sitzfleisch echtes Durchhaltevermögen.

Römisch Vier

Was nicht vorkam, waren die positiven Ergebnisse dieser Landschaftstransformationen. Es wurde nicht eingegangen auf die Früchte dieser Arbeit wie warme Wohnungen; Wassergrundstücke an den renaturierten Tagebaurestlöchern; Häuser, gemacht aus den Steinen des Plauenschen Grunds; individueller Wohlstand durch Arbeit; staatlicher Wohlstand durch Steuern oder gar Volvos aus Schwedenstahl.
Das einzige, was man für ein Produkt der Eisenerzmine in Kiruna hätte nehmen können, war ein auf einem alten Foto abgebildetes, gekentertes Kanonenboot. Typisch! So sehen sie aus, die Ausstellungen der deutschen Intelligentzija, deren Geld aus der Steckdose kommt.
Apropos Steckdose: Windräder kamen selbstredend nicht vor. Aber diese spezielle transformatorische Zerstörung von Landschaft ist ja  etwas  Gutes.

Zum Schluss noch eine lustige Sache. Genaugenommen war sie insgesamt ein Witz, die behauptistische Arbeit von Grit Ruhland. Sie drehte sich um Uranabbau in der Gegend von Ronneburg. Im Begleitheft steht dazu: „Die massiven Eingriffe in die Beschaffenheit der Landschaft zeigen sich oft nur subtil, in einer bestimmten Vegetation, in einem verstärkten Ausschlag des Geigerzählers…“ Um die Subtilität des (sozialistischen) Eingriffs zu sehen bitte klicken, et voilà: Die Titten von Ronneburg 
In den letzten zwanzig Jahren hat dann die verfluchte kapitalistische Moderne diese Landschaft für eine neue ausbeuterische und entfremdende Nutzung vorbereitet, die sie beschönigend Renaturierung nennt. So sieht es heute da aus.

Man könnte das KHDD-typische Schludern für diese schlimme, parteipolitische Ausstellung verantwortlich machen. Wenn man allerdings weiß, dass das Kunsthaus Dresden in Wahrheit das „An-Institut für Ausstellungstheorie und -praxis an der HfBK Dresden“ ist, dann wundert man sich nicht über die bewusste Irreführung des Publikums. Das war eine Versuchsanordnung. Stimmt’s?